Beim Nachdenken über Sprache von Urs Böschenstein

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Originaltext: http://www.uboeschenstein.ch/texte/Umschrift1,2-korr26.9.09-2.pdf, Urs Böschenstein, WissensNetzwerk, Beim Nachdenken über Sprache

Dieser Text wurde von Urs Böschenstein geschrieben.

Diese Version hier ist für zur Bearbeitung und Inspiration für myknow gedacht.

Zusammenfassung im myknow Blog: http://blog.myknow.com/grenzen-des-denkens-eine-linguistische-betrachtung/


 


38kO4t <a href="http://ydalqildhsgc.com/">ydalqildhsgc</a>, [url=http://ewzxunauclml.com/]ewzxunauclml[/url], [link=http://iazivguxtzzj.com/]iazivguxtzzj[/link], http://otvakqsskjnk.com/


2.0 Gegensatzpaare zum Zweiten

Die Meisselschrift vom Glauben an den Geist
Sengcan Xinxinming

Verweile nicht
in dualistischen Anschauungen;
vermeide absolut, ihnen zu folgen.
Existiert auch nur ein wenig
Richtig und Falsch, dann wird der Geist
in Verwirrung verloren. Zwei existiert
abhängig vom Einen, aber man darf auch nicht
beim Einen verweilen.


2.1 Zweierlei – der Denkraum des Nachdenkens

Sprechende Menschen können „zwei-deutig― denken, sie können nach-denken. Unser Denken schliesst Gedanken an Gedanken an; wir denken nie gleichzeitig zwei Gedanken, aber beim Denken nacheinander, können wir Gedanken in Beziehung setzen, Gedanken vergleichen, wir denken nach; dabei bewerten wir dann aber immer einen Positivwert als wichtiger als den Negativwert und bleiben damit in Gegensatzpaaren befangen. Von diesem Gedankengefängnis wissen Tiere nichts, sie können nicht denken, dass sie denken. Erst das Medium Sprache ermöglichte es den Menschen zu wissen, dass sie wissen.

Die Sprache lässt einen Denkraum des Nachdenkens entstehen, der unsere Denkmöglichkeiten erweitert, sie eröffnet die Welt der Negation, die Welt des Dieses und nicht Dieses, und damit die Welt der Oppositionen, der Gegensätze.

Ich weiss nicht, ob meine sprechenden Vorfahren schon immer in Gegensätzen befangen waren, aber alles, was schreibende Vorfahren uns überliefert haben, ist in einer Gegensatzwelt angesiedelt, über die die Denker nicht hinausgelangen können: wenn es eine Körperwelt gibt, muss es auch eine Geistwelt geben; wenn es eine Lebenswelt gibt, muss es auch eine jenseitige Welt geben.

=> Roger: Na das ist mal ne Ansage, somit müsste es ein jenseits geben!?!


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In dieser Schreibwelt von gegensätzlichen Meinungen, die auch immer als sich gegenseitig ausschliessende „Wahrheiten― gedacht werden, lebe ich, seit ich angefangen habe zu denken. Es ist eine Denkwelt des Entweder/Oder: Gegeneinander oder Miteinander, Liebe oder Streit – polare Gegensätze: Wahrheit oder Irrtum; Konkurrenz oder Kooperation; gut oder böse.

Seit ich angefangen habe, über mein Denken nachzudenken, wundere ich mich über solche gegensätzliche Meinungen. Ich ertappe mich zwar immer wieder, dass ich – gefangen in meiner Sprachkultur – auch ständig in unvereinbaren Gegensätzen denke, und suche dann nach einer Denkwelt „Jenseits von Gut und Böse25. Manchmal ist es geradezu zum Verzweifeln, dass ich alles ver-zweien muss und dann nicht mehr denken kann, dass Dichotomien nicht „sind―, dass sie entstehen im Akt des Unterscheidens: Gut und Böse, Gott und Teufel, Gegeneinander und Miteinander, Physis und Spiritus be-„dingen― sich gegenseitig.


2.1.2 Meine Suche nach einer Denkwelt

„Jenseits von Gut und Böse― führte mich in die Welt
der Philosophie und der theoretischen Reflexion: Wie können wir das Entstehen einer
„Denkwelt― beschreiben? Denken alle Menschen gleich? Gibt es angeborene Denkgesetze? Beim Nachdenken über diese Fragen bin ich zum Ideen-Archeologen geworden, ich betreibe Ideengeschichte: Wann haben Menschen angefangen, über ihre Sprache nachzudenken? Wie und wann ist die Idee von Denkgesetzen entstanden? Mit welchen Denkwerkzeugen lernten Homo sapiens - die wissenden Menschen - zu reflektieren? Von welchen Grundannahmen (Axiomen, Präsuppositionen) geht unser Nachdenken aus?

Seit ich vor 50 Jahren Sprachwissenschaft studierte, haben sich diese Vorannahmen fundamental verändert. Damals nahm man an, dass Sprache nach eindeutigen Berechnungsregeln von Menschengehirnen „generiert― wird, man fragte: Wie sind Denkgesetze in unseren Gehirnen als Programme der Informationsverarbeitung fixiert?
Als 1944 der erste Computer gebaut wurde, gingen die Forscher und die Techniker davon aus, dass ihre Rechenmaschine nach den gleichen Regeln funktionieren müsse, die auch in
menschlichen Gehirnen einprogrammiert sind. Die Grundannahme war: Menschengehirne
sind vorprogrammierte Informationsverarbeitungsmaschinen. Wie diese Informations- verarbeitungsmaschinen entstanden sind, konnte man nicht wissen, über die Evolution
unserer Denkwelt konnte man nicht nachdenken. Aber man versuchte das aktuelle
Funktionieren unserer Gehirne mit formalen Rechenregeln zu beschreiben und nahm an, dass diese Regeln auch „intelligenten Maschinen― einprogrammiert werden können. Die Forscher sprachen von „artificial intelligence―. Linguisten gingen davon aus, dass in unseren Gehirnen eine Sprachmaschine eingebaut ist, die Sprache nach genauen Regeln „erzeugt―. Sie beschrieben ein Sprachmodul, das durch eine Grossmutation entstanden war (Chomsky) und nun als Sprachinstinkt (Pinker) in allen Menschengehirnen eingebaut ist als „universal grammar―. Allen diesen Annahmen (Hypothesen) liegt eine Idee zugrunde: Denken ist Rechnen, Denken lässt sich formal beschreiben.

Schon vor fünfzig Jahren stellten Kybernetiker die Präsupposition „Denken ist Rechnen― in Frage; Heinz von Foerster unterschied Trivial-Maschinen von Nicht-Trivial-Maschinen: Trivialmaschinen sind vorprogrammiert, Nicht-Trivialmaschinen können lernen, sie programmieren sich selbst. Lebewesen sind Nicht-Trivial-Maschinen, sie rechnen nicht, sie lernen. Die Denkprogramme lebender Systeme sind nicht vorprogrammiert, sie sind gelernt, sie entstehen durch evolutionäre Lernprozesse.


25 Urs Boeschenstein http://www.uboeschenstein.ch/texte/offeneWeite-text5.pdf

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Merlin Donald26 geht davon aus, dass sich Denkgesetze der Menschen in einem vierstufigen kulturellen Evolutionsprozess entwickelt haben; er beschreibt eine episodische Kultur, die schon bei Primaten beobachtbar wird, eine mimetische Kultur, in der die ersten Homo lernten Geschichten darzustellen (Panomime), eine mythische Kultur, in der Homo sapiens lernten Geschichten zu erzählen, und eine theoretische Kultur, in der Geschichten aufgeschrieben wurden. Merlin Donald formuliert eine neue Grundannahme für menschliches Denken: Denken ist Geschichtenerzählen, es ist Ordnen von Gedanken, durch vielfältige Relationierung von Erfahrungen und Erwartungen. <span style="color: #ff0000" />

2.2 Die Geschichte des Geschichtenerzählens

Primaten lernten Erfahrungen als Geschichten (Episoden) zu erinnern, sprechende Menschen lernten Geschichten zu teilen mit anderen, sie erzählten Geschichten. Geschichten zählen nicht, sie er-zählen, sie verbinden Erfahrungen mit Erfahrungen.
Denken als Geschichten erzählen ist ein sozialer Prozess. Da wird Abschied genommen von der Idee, dass nur vereinzelte Gehirne denken können, es wird auch Abschied genommen von der Idee, dass Denken ein Rechenprozess ist. Das menschliche Denken ist von den Erfahrungen der Gruppe geprägt. Geschichten sind der Kit, der die Menschengruppen zusammenhält, es sind gemeinsame Erfahrungen, die wiederholt werden müssen in Ritualen des miteinander Tanzens und Singens - das haben die Homo der mimetische Kultur geübt, als sie lernten Geschichten darzustellen, sie lernten in Gruppen zu interagieren. Später – in einer mythischen Kultur - lernten sie beim Geschichtenerzählen miteinander zu kommunizieren. In diesen Kommunikationsprozessen ging es nicht nur um objektive Fakten, sondern um bewertete Fakten. Alle Geschichten sind Bewertungen von Erfahrungen.

Die Denkwelt der Menschen ist nicht primär durch Wahrnehmungsprozesse, die Welt der Fakten geprägt, sondern durch ihre Welt der Werte, „conversations and stories…embodied the beliefs and values of the society as a whole―27. Denkgesetze sind sprachbedingt und kulturbedingt. Unsere Sprache prägt unser Denken, alle bewussten Denkprozess sind sprachförmig, ohne Sprache können wir nicht bewusst denken. Bewusstsein ist mit der Sprache entstanden, vor dem sprechenden Menschen gab es kein Bewusstsein, auch kein Ich-Bewusstsein.


26 Merlin Donald Origins of the Modern Mind, Harvard University Press. 1991: my hypothesis is that the modern human mind evolved from the primate mind through a series of major adaptations, each of which led to the emergence of a new representational system. http://www.uboeschenstein.ch/texte/donald2.html
Episodic, mimetic, mythic and theoretic culture are all broad, unifying concepts that express the dominant
cognitive quality of the individual mind in relation to society. The two previous transitions represented major qualitative breaks with the cognitive past. A third cognitive transition likewise is signaled by a major break with the previous cultural pattern - that is, a break with the dominance of spoken language and narrative styles of thought.Three crucial cognitive phenomena appear to have been underdeveloped, or virtually absent, in oral- mythic culture. These phenomena are graphic invention, external memory, and theory construction…the shift is from internal to external memory storage devices. As the pattern of memory use shifts toward the external symbolic store, the architecture of the individual mind must change in a fundamental way, just as the architecture of a computer changes if it becomes part of a larger network. The most important cultural product of human cognition is less obvious, and much more dominant in terms of cognitive governance: it is a relatively new kind of thought product known as theory. http://www.uboeschenstein.ch/texte/donal267.html
27 Daniel Everett Don‘t Sleep, there are Snakes, Profile Books, 2008, p.84: The relative lack of ritual among Pirahas is predicted by the immediacy of experience principle. This principle states that formulaic language and actions (rituals) that involve reference to nonwitnessed events are avoided. So a ritual where the principal character could not claim to have seen what he or she was enacting would be prohibited. The Pirahas avoid formulaic encodings of values and instead to transmit values and information via actions and words that are original in composition with the person acting was speaking, that have been witnessed by this person, or that have been told to this person by a witness. So a traditional oral literature and rituals have no place.
p.122 The accumulation of discoveries about Piraha culture challenged me to look in more detail at some of the less obvious values of their society. I went about this mainly by studying their stories. Piraha conversations and stories took up most of my time in the village, since they clearly embodied the beliefs and values of the society as a whole, revealing these in a way that I could not learn nearly as well by simply observing the culture. The subjects of their stories were also revealing - the people do not talk about unexperienced events, such as long past future events, or fictional topics…

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Und alle unsere Begriffe, mit denen wir über uns selber und über die Welt nachdenken, sind in Kommunikationsprozessen entstanden. Seit Sprachwissenschafter, wie Daniel Everett, angefangen haben, nicht mehr nur über Sprachproduktion nachzudenken, das heisst über die Programme der Satzbildung (Syntax), sondern über die Prozesse des Verstehens
(comprehension), ist ganz klar geworden, dass wir die Bedeutung von Wörtern nicht in einem eingebauten Wörterbuch speichern. Wir rufen beim Sprechen nicht „Denotationen― aus
einem Wörterarchiv ab, wir konstruieren „Konotationen―. Wir vergleichen im
Verstehensprozess nicht abgespeicherte Bedeutung, wir bewerten in allem Verstehen
„embodied beliefs and values―. Alles Verstehen ist kulturgeprägt und hat sich im Laufe der
Kulturevolution verändert.

2.2.1 Veränderung der Denkkultur

Wenn wir diese Veränderungen der Denkkultur verstehen wollen, müssen wir die Geschichte der Ideen, die Geschichte von Begriffen (Semantik) verstehen lernen. Begriffe erweitern unseren Denkraum - das erinnert mich an eine Szene in Goethes Faust. Dr.Faustus erweitert seinen Denkraum beim Versuch einer Neuübersetzung des Johannes Evangeliums:

Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort! Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

=> Roger: Im Anfang schuf Gott Himmel, Erde, Luft und Meer

Im Anfang war das Wort! Im Anfang war der Sinn. Im Anfang war die Kraft! Im Anfang war die Tat! Vom „Wort― gelangt Faustus zum „Sinn― - es geht nicht um Gesagtes, es geht um die Bedeutung des Gesagten, es geht um den Sinn. Faustus kann sich den Ursprung der Sprache nicht mehr als von Gott gegebene Anweisung denken, Gottes Wort muss von Menschen verstanden werden, erst das Verstehen gibt dem Wort „Sinn―.
„Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen― – Faust kritisiert da Luthers Übersetzung des griechischen Wortes „logos― durch den deutschen Begriff „Wort―. Logos verweist nicht
nur auf eine Sache „die Sprache―, es bedeutet „Wort und Rede sowie deren Gehalt ("Sinn")―,
es deutet - und das ist ganz zentral wichtig - auf den Prozess des Redens. In diesem
Prozess: „Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?― – Sinnschöpfung ist eine tatkräftige
Tat! Im Übergang vom Wort zur Tat schafft sich Faustus einen neuen Denkraum: Sprache ist
nicht ein Objekt, Sprache ist ein Prozess, das „Wort― ist ein Dingwort, die „Tat― steht für einen Prozess – „sprachen― (to language - Maturana) ist eine lebendige „Tathandlung―, immer wieder neue Sinnschöpfung. Doktor Faustus nimmt mit seinem Übersetzungsversuch, in seinem Übergang vom Wort zur Tat, die Ideengeschichte der letzten 200 Jahre voraus, die Umschrift vom „Dingdenken― zum „Prozessdenken―: Gedanken entstehen im Akt des Unterscheidens - für Denkprozesse muss es heißen: Im Anfang war das Unterscheiden.

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2.3 Das Zweierlei der Sprachwelt: Sein und Denken

Meinem Nachdenken über den Anfang im Akt des Unterscheidens (2.4) muss eine Reflexion über Sprache (logos28) und die Anfänge des logischen Denkens vorausgehen. Als Ideen-Archeologe muss ich bei der Frage anfangen, wie Homo sapiens - die wissenden Menschen – in der theoretischen Kultur lernten abstrakt zu reflektieren.

„Das Medium Sprache ermöglichte es den Menschen zu wissen, dass sie wissen. Die Sprache lässt einen Denkraum des Nachdenkens entstehen, der unsere Denkmöglichkeiten erweitert, sie eröffnet die Welt der Negation, die Welt des Dieses und nicht Dieses, des Dieses und Anderes, und damit die Welt der Oppositionen, der Gegensätze―, zitiere ich mich selbst (2.1). Die Denkwelt der Reflexion, die Logik (he logiké téchne „die denkende Kunst―) ist in Griechenland entstanden, als Denker begannen, ihre
Gedanken aufzuschreiben. Die Schrift ist Voraussetzung des Entstehens einer theoretischen Denkkultur, in der das menschliche Denken hinterfragt werden kann, in der Fragen nach den Gesetzen des Denkens gestellt werden können. In der Theorie29 werden Oppositionen, Dichotomien, Gegensatzpaare schriftlich fixiert, sie werden dadurch sichtbar gemacht und damit der Reflexion zugänglich. Die ersten Philosophen, die Sucher nach Weisheit (philosophía), entwickelten den Begriff Sprache (logos), sie fragten nach den Gesetzen der Sprache und nach den Gesetzen des Denkens mit Sprache, sie formulierten Gesetze des Schlussfolgerns, die Logik. In dieser neuen Denkkunst gilt eine Regel unerbittlich, die Regel des ausgeschlossenen Dritten – Tertium non datur.

Aristotelische Logik geht aber damit immer von nicht hinterfragten Annahmen, von Axiomen aus. Gotthard Günther beschreibt diese Präsuppositionen der aristotelischen Logik in seinem Buch „Das Bewusstsein der Maschinen―: ―...dass die klassische, abstraktive und identitätstheoretische Logik unbedingt voraussetzt, dass in jedem konkreten Akt des
Denkens und in jeder überhaupt möglichen theoretischen Situation jederzeit eindeutig zwischen dem Denken als subjektivem Prozess und dem Gedachten als seinem bloßen
Inhalt unterschieden werden kann. Formallogisch betrachtet sind diese ontologischen
Konzeptionen des aristotelischen Systems insofern relevant, als auch sie voraussetzen dass sich unsere gegebene Wirklichkeit ohne Restbestand (ausgeschlossenes Drittes) in Objekt
und Subjekt, also in Gedachtes und Denken, dichotomisch aufspalten lässt. Und was nicht das Eine ist, ist unvermeidlich das Andere. Diese urphänomenale Inversion von Innerlichkeit
und Äußerlichkeit, von Spiritualität und Materialität repräsentiert das metaphysische Schema unserer klassischen Logik, die essenziell zweiwertig ist. Ihren beiden Werten, die man in
reflexivem Sprachgebrauch als―positiv― und „negativ― und in irreflexiver Terminologie als
„wahr― und „falsch― bezeichnet, entspricht eine rationale Erlebnis- und Bewusstseinstruktur, in der sich ein „Ich-überhaupt― ganz unvermittelt einem „Etwas― gegenüber sieht. Sein und Denken stellen in diesem Schema streng unterschiedene protometaphysische Realitätsdimensionen dar― (Gotthard Günther30).

Im Denken der letzten 2500 Jahren gehören Sein und Denken in zwei streng getrennte Welten, die Welt des objektiven Seins und die Welt der subjektiven Reflexion. Günther stellt fest, „dass die traditionelle Unterscheidung von einfacher Subjektivität und antithetischer


28 Der griechische Ausdruck lógos (gr. λόγος; lat. verbum) wird allgemein unspezifisch im Sinne u.a. von Wort und Rede sowie deren Gehalt ("Sinn") gebraucht, sowie des geistigen Vermögens, was diese hervorbringt, der "Vernunft", wie auch eines allgemeineren Prinzips einer Weltvernunft oder eines Gesamtsinns der Wirklichkeit. Darüber hinaus existieren je nach Kontext noch spezifischere Verwendungsweisen, beispielsweise als „Definition―, „Argument―, „Rechnung― oder „Lehrsatz―. Auch philosophische sowie religiöse Prinzipien wurden mit dem Ausdruck "lógos" bezeichnet, beispielsweise in den Fragmenten Heraklits und in Texten stoischer Philosophie und jüdisch-hellenistischer wie christlicher Provenienz. Das Morphem -log findet im Deutschen u. a. in der Bezeichnung von Wissenschaften ("-logie") Verwendung, insbesondere in der philosophisch- mathematischen Disziplin der Logik . (Wikipedia) 29 Theorie (gr. theorein: beobachten, betrachten, [an]schauen) - Praxis (gr. prâxis oder prâgma,Tat, Handlung, Verrichtung, Durchführung, Vollendung, Förderung). 30 Gotthard Günther Das Bewusstsein der Maschinen, http://www.uboeschenstein.ch/texte/guenther-zit.html

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Objektivität zu grob und zu primitiv sei. Die bisherige Annahme der klassischen Metaphysik, dass sich das Wesen der Wirklichkeit und speziell der menschlichen Existenz aus zwei, und nur zwei metaphysischen Realitätskomponenten, nämlich Materialität und Spiritualität, erklären lasse, beruhe auf einem Irrtum―. Unser Denken muss das „Tertium non datur―, das ausgeschlossene Dritte, einschliessen, wir brauchen eine mehrwertige Logik der Relationen, die über die „essentielle Zweiwertigkeit― hinausführt. Solange unser Denken von
„vorbewussten― Gegensätzen geprägt bleibt, von „vorbewussten― Unterscheidungen, die aller Reflexion vorausgehen und solange alle Denkprozesse in einem engen Denkraum gefangen bleiben, können wir nicht über Veränderungsprozesse „denken―. Günther stellt fest: „die Antithese von Geist und Materie, die das menschliche Bewusstsein durch Jahrtausende beschäftigt hat, ist heute im Begriff als philosophisches Problem zu verschwinden - freilich nicht, weil man es gelöst hat, sondern weil es durch neue Fragestellungen überholt und
damit uninteressant geworden ist―.

2.3.2 Vom Dingdenken zum Prozessdenken

Neue Fragestellungen führen über das Dingdenken hinaus zum Prozessdenken, sie gehen von einer neuen Unterscheidung aus, von der Differenz System/Umwelt. Systemtheorie unterscheidet nicht mehr Dingwelten, Systeme sind nicht Objekte, sondern Prozesse. Frijof Capra schreibt: „Die vielleicht bedeutendste philosophische Konsequenz des systemischen Verständnisses des Lebens (ist) ein neuer Geistesbegriff, der die kartesianische Trennung von Geist und Materie zum ersten Mal in der Wissenschaft wirklich überwindet. In den drei Jahrhunderten nach Descartes verstanden Natur- und Geisteswissenschaftler den Geist immer als eine immaterielle Substanz und konnten sich nie vorstellen, wie diese Res Cogitans, dieses «denkende Ding», mit dem Körper verbunden ist. Der entscheidende Fortschritt der systemischen Sicht des Lebens besteht darin, die kartesianische Auffassung von Geist als einer Substanz fallen zu lassen, und zu erkennen, dass Geist und Bewusstsein keine Dinge sondern Prozesse sind―31. Prozesse des Lebens lassen sich nicht beschreiben, solange wir „mind and nature― als verschiedene Dinge denken. Wir müssen nach dem
Muster suchen, das die Lebensprozesse verbindet32. Meine Antwort auf die Frage, was
Lebensprozesse verbindet, fand ich in George Spencer Browns Laws of Form.

2.4 Das Zweierlei der Spencer Brownschen Unterscheiden-Welt - Im Anfang war das Unterscheiden

„We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we
cannot make an indication without drawing a distinction. We take, therefore, the form of distinction for the form.‖ G. Spencer Brown Laws of Form

Eine „Form― ist das Joch des Unterschiedenen, in ihr sind die zwei Seiten einer Unterscheidung kon-jugiert: „Der gesamte Text der Laws kann auf ein Prinzip reduziert werden, welches wie folgt aufgezeichnet werden könnte: Kanon Null. Koproduktion - Was ein Ding ist, und was es nicht ist, sind in der Form, identisch gleich. Das heißt, die identische Form oder Definition oder Unterscheidung agiert als die Grenze oder Beschreibung sowohl des Dinges als auch dessen, was es nicht ist“33.


31 Fritjof Capra Ursprung von Geist und Bewusstsein, http://www.uboeschenstein.ch/sal/Capra_Geist_1.html 32 Gregory Bateson Geist und Natur, Eine notwendige Einheit, Seite 1: Ich biete Ihnen den Ausdruck „das Muster, das verbindet― als ein Synonym, als einen anderen möglichen Titel dieses Buchs an. Das Muster, das verbindet. Ich möchte Ihnen sagen, warum ich mein ganzes Leben lang Biologe war, was es ist, das ich immer versucht habe zu studieren. Welche Gedanken kann ich hinsichtlich der gesamten biologischen Welt, in der wir leben und unser Dasein fristen, mit anderen teilen? Wie ist diese Welt zusammengesetzt? http://www.uboeschenstein.ch/texte/bateson_mind1.html

33 G. Spencer Brown Gesetze der Form, Übersetzung: Thomas Wolf, Bohmeier Verlag 1997, Vorstellung der internationalen Ausgabe, Seite IX: Daraus ist das Kollorar, das alles und nichts formal identisch sind, leicht zu beweisen. (Beweis: Beiden fehlt jegliche Form überhaupt.) An diesem Punkt ist der einzige Block gegen

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Die Formgesetze sind ein „Programm einer Untersuchung der präprädikativen, vor- diskursiven Gesetzmäßigkeiten des Sich-überhaupt-etwas-Gebens,worüber etwas ausgesagt werden kann. Es geht dabei um die Emergenz der elementarsten Setzungen von etwas schlechthin. Die Gesetze der Delineation von etwas überhaupt vor dem Hintergrund von all dem, was es nicht ist, sind die Gesetze der Form als Formereignis oder Formankunft aus der reinen Unterscheidung von Etwas und Nicht-Etwas―34.

Jean Clam bezeichnet dies als Protologik - „Protologik bezeichnet somit, in unserer Deutung, die Logik, welche im allgemeinsten Akt der Erscheinung und Setzung von Etwas impliziert ist―. Die Spencer Brownsche Protologik des Unterscheidens beschreibt in mathematischer Sprache den Prozess des Unterscheidens; in den Laws of Form geht es nicht um Objekte, die unterschieden werden können („Dingbegriffe―, die dann nicht mehr unter dem Joch der Form kon-jugiert werden können und zu unüberwindbaren Gegenssatzbegriffen werden).

Protologik ist Prozesslogik, die über die tote Begriffslogik des Aristoteles hinaus, einen neuen Horizont unseres Denkraumes beobachtbar macht. Eine Welt erscheint im Akt des Unterscheidens “a universe comes into being when a space is severed or taken apart” und
„the universe cannot be distinguished from how we act upon it, and the world may seem like shifting sand beneath our feet.“35


vollständige Erleuchtung die falsche Annahme (und sie hat westlichen Philosophen hunderte Jahre im Nacken gesessen), das, weil nichts keine Form hat, keinerlei konditionierte Struktur besitzen kann, und somit nicht Basis beobachteter Phänomene sein kann, da beobachtete Phänomene offensichtlich sehr wohl eine konditionierte Struktur haben. Meine Lehre besteht zur Gänze darin, diesen Fehler richtig zustellen, indem sie klar zeigt, dass nichts in der Tat eine konditionierte Struktur hat, nämlich, dass wenn eine Unterscheidung „in“ nichts getroffen werden könnte, dann das Ganze der konditionierten Koproduktion, deren Operation unentrinnbar ist unvollständig sichtbar, unvermeidlich stattfinden würde, und das erkennbare Universum unvermeidlich erscheinen würde, ganz genau gemäß den Gesetzen „seiner― Form (in der Wirklichkeit der Gesetze der Form der Dinge, die „darin― erscheinen, da es selbst keine Form hat), wobei solche Gesetze genau jene sind, welche in ihrer Gesamtheit in diesem Text gesammelt sind und die anfänglich darin dargestellt sind. http://www.uboeschenstein.ch/texte/spencer-brown-GdF9.html


34 Jean Clam Kontingenz Paradox Nur-Vollzug, Grundprobleme einer Theorie der Gesellschaft, UVK 2004
S.247f.: Kontrastierend mit diesen Logikformen - insbesondere mit der zuletzt genannten - , bildet Spencer Browns Unternehmen Programm einer Untersuchung der präprädikativen, vor-diskursiven Gesetzmäßigkeiten des Sich-überhaupt-etwas-Gebens, worüber etwas ausgesagt werden kann. Es geht dabei um die Emergenz der elementarsten Setzungen von etwas schlechthin. Die Gesetze der Delineation von etwas überhaupt vor dem Hintergrund von all dem, was es nicht ist, sind die Gesetze der Form als Formereignis oder Formankunft aus der reinen Unterscheidung von Etwas und Nicht-Etwas.
Solche Gesetze müssen auf einer Ebene verortet werden, die derjenigen der durch die klassische Logik erfassten enuziativen Formen vorausgelagert ist. Protologik bezeichnet somit, in unserer Deutung, die Logik, welche im allgemeinsten Akt der Erscheinung und Setzung von Etwas impliziert ist. Sie offenbart „unsere innere Kenntnis der Struktur der Welt― (Spencer Brown, LoF, S.xiii). Die Form, wie sie Spencer Brown versteht, geht allem, was die Logik auf ihrer eigenen Ebene der Generalisierung thematisieren kann, voraus. Sie muss auf
einer Stufe der Ursprünglichkeit und Allgemeinheit denkerisch angesiedelt werden, die „jenseits des
Punktes von Einfachheit liegt, an denen die Sprache aufhört, normal zu fungieren“ (ibid. S.xx). Sie widerstrebt dadurch jeglichem Ausdruck („it resists expression“ ibid.), während die Logik als solche selbst etwas Diskursives ist, worüber ich reden und das ich objektivieren kann. http://www.uboeschenstein.ch/texte/clam247.html
35 G. Spencer Brown Laws of Form, page XXIX: The theme of this book is that the universe comes into being when a space is severed to or taken apart. The skin of a living organism cuts off an outside from an inside. So does the circumference of a circle in a plane. By tracing the way we represent such a severance, we can begin to reconstruct, with an accuracy and coverage that appear almost uncanny, the basic forms underlying linguistic, mathematical, physical, and biological science, and can begin to see how familiar laws of our own experience follow inexorably from the original act of severance. The act is itself already remembered, even unconsciously, as our first attempt to distinguish different things in a world where, in the first place, the boundaries can be drawn any where we please. At this stage the universe cannot be distinguished from how we act upon it and the world may seem like shifting sand beneath our feet. „the world may seem like shifting sand beneath our feet.“ - die Welt scheint bodenlos.

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Die „Tathandlung des Uranfangs― (Fichte) ist das Unterscheiden in dem eine Welt erscheint. In dieser Urhandlung entstehen miteinander - in konditionierter Koproduktion – das unterscheidende Subjekt und das sinnhafte Objekt; es entstehen die Welt des Ich „die Emergenz des Ich ist gleich ursprünglich mit der des Seins oder der Welt überhaupt“ 36 - und die Welt der Dinge ko-produziert.

“How we, and all appearance that appears with us, appear to appear (The double appearance of "appear" is no mistake. The first is to see that there is no evidence for the appearance of anything but appearance, that appearance is the only evidence we have for appearance, and that nothing other has ever been known to appear) is by conditioned coproduction”.37

Der Prozess der Beobachtung (unterscheiden+bezeichnen) beginnt mit einer Tat, einem Akt, einer „Operation des Unterscheidens“, es entstehen dabei zwei Seiten der Unterscheidung und ein Unterscheider: Jemand trifft eine Unterscheidung. Ich erreiche mit diesem fundamentalen Gedanken eine erweiterte Denkwelt, in der immer gilt: Jemand sagt etwas. Jedes Sagen braucht einen "motivierten" Beobachter. Es gibt keine Unterscheidung ohne einen Unterscheider, der unterscheiden will, der „willkürlich― unterscheidet. Im Wort
„willkürlich― steckt nicht nur die Vorstellung der Zufällikeit, der Kontingenz, es verbindet urprünglich die „Ideen― von Wollen und Küren (wählen). Alles Denken ist gewollt und wählt aus38.

Mein Eintritt (entry) ins protologische Spencer Brownsche Unterscheidendenken erforderte viele Lernschritte, die eigentlich Entlernschritte waren („Entlernen der geläufigen deskriptiven Superstruktur, welche, bis sie abgelegt ist, irrtümlich für die Wirklichkeit gehalten werden kann.“39)


36 Jean Clam Kontingenz Paradox Nur-Vollzug, Grundprobleme einer Theorie der Gesellschaft, UVK 2004, Seite 250f: Meine These ist, dass Paradox der Selbst-Differenz mit einer aus Denkbewegungen der ersten Philosophie stammenden Figur verglichen werden kann. Es kann durch den Nachvollzug einiger transzendentaler Deduktion, worin sich diese Figur ausprägt, erhellt werden. Ich wähle Fichtes Deduktionen aus der
Wissenschaftslehre, weil deren Fortschreiten am gründlichsten ausgearbeitet ist. In diesem erstphilosophischen Ausführungen setzt man mit einem Anfang ein, der sich als „Thathandlung“ (im Sinne eines sich selbst vollziehenden Aktes) verwirklicht und der Selbstsetzung des Ichs (als transzendentalen Subjekts) entspricht. Vor dieser Tathandlung der Selbstsetzung ist nichts Weltliches da. Die Emergenz des Ich ist gleich
ursprünglich mit der des Seins oder der Welt überhaupt. Gleichwohl ist die Selbstsetzung des Ursubjekts nichts
Global-Sphärisches: das Ich ist kein in sich geschlossenes hen kai pan, ist nicht selbst- und allenthaltend im
Sinne der Alteritätslosigkeit: es hätte nichts neben sich; es hätte kein Anderes. Fichtes Argument ist gerade, dass das Zustandekommen des Ich's in seinem ursprünglichen Akt das Zustandekommen einerDifferenz vom Selbigem und Nicht-Selbigem, von Ich und Nicht-Ich darstellt. Das Subjekt ist Subjekt einer Sache, die nicht
es selbst ist.…die Differenz Ich/Nicht-Ich, wie sich im Ich selbst reflektiert und den genuinesten Akt des Ich als Ich konstituiert. Das Ich ist weder eine geschlossene noch totale Sphäre. Es ist eingebettet in einem Ritz. Das Ich ist der Ritz, dessen Namen Welt ist und dessen Akt die Reflexion dieser selben ritzenden Differenz ist. http://www.uboeschenstein.ch/texte/clam247.html
37 G. Spencer-Brown, A Lion‘s Teeth. Löwenzähne, Lübeck 1995, S.20
38 Gotthard Günther Das Bewusstsein der Maschinen, http://www.uboeschenstein.ch/texte/guenther-zit.html
„Es gibt keinen Gedanken, der nicht stetig vom Willen zum Denken getragen wird, und es gibt keinen Willensakt ohne theoretische Vorstellung von etwas, das dem Willen als Motivation dient. Ein Wille der nichts als sich selbst will, hätte nichts Konkretes, das ihn in Bewegung bringen könnte; und ein Denken, das bloß mentales Bild ist ohne einen Willens Prozess, der es erzeugt und festhält, ist gleichermaßen unvorstellbar―.
39 Felix Lau: Jede Beschreibung ist die Beschreibung eines Beobachters. Und jede Unterscheidung ist eine Unterscheidung eines Beobachters. Das, was der Fall ist, ist immer für einen Beobachter der Fall. Zudem scheint Sprache dafür verantwortlich zu sein, dass wir die Unterscheidungen, die sie trifft oder die wir in oder mit ihr treffen, für wahr halten. So, als dächten wir, die Unterscheidungen und Bezeichnungen fänden sich in einer Wirklichkeit als objektiv gegeben, spiegelten diese gleichsam wider. Dies zu realisieren, dass Worte nichts Wirkliches bezeichnen oder anzeigen, sondern von jemandem verwendet werden, um die Welt handhabbar zu gestalten, meint George Spencer Brown, wenn er von „Entlernen― redet. In der „Einführung― in die Laws of Form spricht er vom„Entlernen der geläufigen deskriptiven Superstruktur, welche, bis sie abgelegt ist, irrtümlich für die Wirklichkeit gehalten werden kann.― http://www.uboeschenstein.ch/texte/LauForm23.html

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Ich musste lernen, „dass jedes Erkennen einer Realität, einer Welt, die Leistung eines Beobachters mit seinen Unterscheidungen, das heißt Wertungen, Erwartungen, Präferenzen etc., ist―. Ich musste auch lernen, dass „Beobachtung― auf der Operation des Unterscheidens basiert und „das, was als Ausgangspunkt genommen wird, um Aussagen über Erkenntnis zu machen, wird nicht mehr aufgefasst als eine zu entdeckende Wirklichkeit, sondern liegt in dem Prozess des Treffens von Unterscheidungen40―. Spencer Brown öffnete mir auch einen neuen Horizont der Tiefe meines Denkraumes: das Nichts, Nothingness: „I had rediscovered conditioned coproduction – that is, the precise explanation of how the apparent universe constructs itself from nothing…” “Wie das scheinbare Universum sich selbst aus dem Nichts heraus konstruiert“.41 In diesem Tiefenraum gelang der wichtigste Lernschritt: Ich muss im Nichts anfangen. Beim Nachdenken darüber entstand meine Geschichte vom Nichts.

Nothingness – The Two Celestial Dragons
The RED and the GREEN CELESTIAL DRAGONS are fighting over NOTHING. But fighting over nothing is not easy. The Dragons do not know, what they are fighting about. They can only ―think‖ about NOTHING – and thinking is necessarily about dead THINGS.
THE RED DRAGON firmly believes in NOTHING. He thinks NOTHING is some THING, he cannot think that
NOTHING is no THING. The red dragon believes that ―Nothing comes from nothing – Ex nihilo nihil fit‖. No
Thing can appear from Nothing. Being a firm believer he cannot THINK, his only way of KNOWING is to
BELIEVE in TRUTH.
THE GREEN DRAGON does not believe. She KNOWS that ―the Universe is not SOME THING‖, it is a PROCESS without beginning and without end – it is an imaginary process, an idea. She can THINK the ―Unthinkable‖, that there is no maker, no master, that the Process of Life runs itself.- ―Creation, or all that appears, does not
come from anywhere - how could it? If it came from somewhere, then that somewhere would be elsewhere, and what appeared would not be all. So all that appears simply has nowhere to come from,
and that is how we know it comes from nowhere.” (George Spencer Brown). SHE is shitting out all BELIEF.
She can KNOW, she can THINK about THINKING and she knows that everything grows out of NOTHING, out of
Nothingness, out of Emptiness. Omnia ex nihilo creamus.
(We - who observe the GREEN DRAGON‘s thinking processes - have discovered the WISDOM OF INSECURITY. We no longer depend on secure knowledge which has always been an illusion, we can let things happen.)

Die beiden Drachen existieren in einem imaginären Denkraum: Der rote Drachen glaubt, der grüne Drachen weiss, sie braucht nicht mehr zu glauben. Sie weiss, dass wir alles aus nichts erzeugen durch den Akt, die Operation des „Draw a distinction―, durch eine Unterscheidung, die abgrenzt.


40 Felix Lau Die Form der Paradoxie, Seite 156: Dieser Abschnitt zum Beobachter spiegelt die Schwierigkeit der sprachlichen Produktion einer Figur, die nicht im Subjekt-Objekt-Dualismus situiert ist. Der Beobachter repräsentiert eine Welt und entsteht selbst im Prozess des Treffens von Unterscheidungen. Er ist nicht zu denken als jemand, der Unterscheidungen willkürlich trifft, er geht den Unterscheidungen zeitlich nicht voran. Er ist nach dieser Konzeption lediglich die Instanz, in der wir als Beobachter den Prozess der Beobachtung feststellen können. Der Beobachter ist das selbstreflexive, selbstbezügliche Moment „innerhalb“ der Form. Der Beobachter kann beobachten, dass er in der Form ist, dass er mit Formen/Grenzen „spielt― – wie auch mit der Grenze zwischen ihm als Beobachter und ihm als Beobachtetem. Der Neurobiologe und Kognitionsforscher Humberto R. Maturana war einer der ersten, der die Bedeutung des Beobachters für jede Erkenntnis über die Welt, die Realität oder das Universum wissenschaftlich klar herausstellte. Eine seiner bedeutsamsten und radikalsten Aussagen ist: „Alles, was gesagt wird, wird von jemandem gesagt.― (Maturana/Varela; 1987: 32). Mit den Laws of Form kann man diesen Satz umformulieren in:„Alles, was unterschieden wird, wird von einem Beobachter unterschieden.― (Lau 2005: 156) Mit beiden Sätzen wird ein Unterschied zu einer, man muss es wohl so sagen: obsoleten Auffassung von Welt hervorgehoben. Von einer objektiven, also Beobachter unabhängigen Welt ausgehend, muss der Beobachter aus der Welt heraus gehalten werden.
Spielte der Beobachter der Welt eine Rolle für das „Dasein― der Welt, würde zumindest der Zugang zur Welt in Frage gestellt sein, wenn nicht eine objektive Realität überhaupt. Mit den Laws of Form wird wie bei Humberto R. Maturana die These vertreten, dass jedes Erkennen einer Realität, einer Welt, die Leistung eines
Beobachters mit seinen Unterscheidungen, das heißt Wertungen, Erwartungen, Präferenzen etc., ist. Das heißt also, dass die Berücksichtigung des Beobachters und seine Integration in das Erkannte zu einer fundamentalen erkenntnistheoretischen Umstellung führt: Ausgangspunkt aller Erkenntnis ist nicht "etwas ist so- und-so", sondern "etwas ist für jemanden so-und-so". Damit ändert sich auch die an Erkenntnis orientierte Fragerichtung: http://www.uboeschenstein.ch/texte/lauform152-beobachter.html
41 G. Spencer-Brown, A Lion‘s Teeth, S. 13

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Sie weiss dass „Überhaupt nichts durch Erzählen gewusst werden kann.― (Spencer Brown
1997: XII) – „Gesagtes kann man glauben – aber nicht wissen<span style="color: #ff0000" />42.

2.4 Der grüne Drachen ist meine Göttin des Wissens

Der grüne Drachen ist meine Göttin des Wissens, sie lehrt uns, „dass das, was wir (als wahr) erkennen, von dem abhängt, was wir tun (müssen), um dorthin zu gelangen. Dann ist (die Sprachform) anweisend, mithin unabhängig von Meinungen, und impliziert, dass Erkenntnisleistungen immer Konstruktionsleistungen sind. Das heißt, die Definitionen und Unterscheidungen, die wir treffen, legen den Rahmen dessen fest, was wir erkennen können. Diese Auffassung widerspricht dem Glauben an Tatsachen und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Bedingungen und Vorannahmen, unter denen jemand etwas (als
wahr) erkennen kann― (Lau). In der Welt der Göttin gibt es noch keine Unterscheidungen, sie
weiss von „Erkenntnisformen, die sich auf das Prä-Differentielle aller Differenzen berufen, auf die primordiale Nicht-unterschiedenheit―43, ihr Raum ist das Nirgendwo und Nirgendwann, das allem Unterscheiden vorausliegt, ein Raum ohne „Wahrheit― und ohne
„Meinung―.

Über Wahrheit und Meinungen schreibt Peter Fuchs in einem Aufsatz „Theorie als Lehrgedicht―44: „Die Wahrheit der Theorie (alétheia) ist an die Unwahrheit der menschlichen (sterblichen) Weltinterpretationen (dóxai) geknüpft. Alétheia und dóxai bilden ein Schema, dessen Seiten sich wechselseitig stützen. Da der Dichterphilosoph (Parmenides) sterblich ist, haust er in der Falschheit, im Irrtum. Eben deshalb wird er im Proömium des Lehrgedichtes "auf den kundevollen Weg der Göttin gebracht…Die Göttin wohnt nicht im markierten Raum, im marked space der Unterscheidung. Sie ist weder Wahrheit noch
Täuschung…Die Göttin, die das Schema beobachtet, wir lassen sie jedenfalls namenlos und würden allenfalls spekulieren, daß sie heute Frau Spencer-Brown heissen könnte. Jedenfalls
lassen sich ihre Anweisungen an Parmenides lesen als: "Draw a distinction!" und: "Ich lehre dich die Unterscheidung!" Die Göttin „Frau Spencer Brown― weiss, „dass nichts in der Tat eine konditionierte Struktur hat―45. Sie erkennt „die laufende „Ver-zweiung― einer Einheit, bei der es keine Eins ohne die Zwei gäbe ohne beides: die Eins und die Zwei―46.

In der laufenden Ver-zweiung der ―distinction‖, im Prozess der Beobachtung, erschafft sich die Welt aus dem Nichts: ―Creation, or all that appears, does not come from anywhere - how could it? If it came from somewhere, then that somewhere would be elsewhere, and what appeared would not be all. So all that appears simply has nowhere to come from, and that is


42 Felix Lau: http://www.uboeschenstein.ch/texte/LauForm23.html: Gesagtes kann man glauben – aber nicht wissen. Die von George Spencer Brown verwendete Methode beruht darauf, dass der Lernende bzw. Noch- nicht-Wissende Aufforderungen befolgt, bestimmte Operationen selbst durchzuführen und dann zu betrachten, wohin er mit ihnen gelangt. In herkömmlichen mathematischen Texten findet man keine Aufforderung, etwas selbst zu tun. Ausgenommen natürlich die floskelhafte Aufforderung: „Den einfachen Beweis möge der interessierte Leser selbst finden.― Die dort verwendete Formulierung „Es sei...― verschleiert die Herkunft einer Unterscheidung. Es wird also unentwegt unterstellt, dass bestimmte Dinge so-und-so sind (tatsächlich und von sich aus). Die Sprachform ist dann beschreibend und lässt insofern einen Spielraum für Meinungen und Interpretationen. Aber gerade die Mathematik kann sehr schön zeigen, dass das, was wir (als wahr) erkennen, von dem abhängt, was wir tun (müssen), um dorthin zu gelangen. Dann ist sie anweisend, mithin unabhängig von Meinungen, und impliziert, dass Erkenntnisleistungen immer Konstruktionsleistungen sind. Das heißt, die Definitionen und Unterscheidungen, die wir treffen, legen den Rahmen dessen fest, was wir
erkennen können. Diese Auffassung widerspricht dem Glauben an Tatsachen und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Bedingungen und Vorannahmen, unter denen jemand etwas (als wahr) erkennen kann.
43 Peter Fuchs: http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchsschweigen46.html 44 Peter Fuchs Theorie als Lehrgedicht: http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchs-parmenides.html 45 G. Spencer Brown Gesetze der Form: http://www.uboeschenstein.ch/texte/spencer-brown-GdF9.html 46 Peter Fuchs Die Psyche : http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchspsyche9.html

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how we know it comes from nowhere.‖47 In letzter Konsequenz: “We cannot escape the fact that the world we know is constructed in order (and thus in such a way as to be able) to see itself. This is indeed amazing. Not so much in view of what it sees, although this may appear fantastic enough, but in respect of the fact that it can see at all. But in order to do so, evidently it must first cut itself up into it least one state which sees, and it least one other state which is seen. In this severed and mutilated condition, whatever the sees is
only partially itself. We may take it that the world undoubtedly is itself (i.e. is indistinct from itself), but, in any attempt to see itself as an object, it must equally undoubtedly, act* (actor, antagonist. We may note the identity of action with agony.) so as to make itself distinct from, and therefore false to, itself. In this condition it will all this partially elude itself. We, as universal representatives, can record universal law far enough to say: and so on, and so on you will eventually construct the universe, in every detail and potentiality, as you know it now; but then, again, what you will construct will not be all, for by the time you will have reached what now is, the universe will have expanded into a new order to contain what will then be. In this sense, in respect of its own information, the universe must expand to escape the telescopes through which we, who are it, are trying to capture it, which is us. The snake eats itself, the dog chases its tail. Thus the world, whenever it appears as a physical universe* (unus = one, vertere = turn. Any given (or captivated) universe is what is seen as the result of a making of one turn, and thus is the appearance of any first distinction, and only a minor aspect of all being, apparent and non-apparent. Its particularity is the price we pay for its visibility.), must always seem to us, its representatives, to be playing a kind of hide and seek with itself”48.

Die Idee des Sich-selbst-beschreibenden-Universums, die Selbstbeschreibung der in Unterscheidenshandlungen aus dem Nichts erscheinenden Welt, die Spencer Brown auf den letzten Seiten der Laws of Form beschreibt, öffnet einen Denkraum der nicht mehr denkbar ist. Es zwingt den Ideenarchäologen zur Erkenntnis, dass er über seine Welt erst
nachdenken kann, wenn er schon unterschieden hat, und nie wissen kann, was vor der
Unterscheidung war. Dass weiß nur die Göttin, die in der Welt der unbeobachtbaren
Unterschiedlosigkeit ihr Wesen treibt.


M.C. Escher Zeichnende Hände


Fazit II:
Meine Welt ist nie fassbar, immer neu, immer anders als ich, immer hinterher, ver-zweiend, denken kann. Die Wahrheit (aletheia) ist mir nicht zugänglich, ich lebe not-wendig in der Welt
der gegensätzlichen Meinungen (doxa). Die wichtigste „Er-kenntnis― aus dem Land der Zwei, dem Land der Reflexion - ich gestatte mir sogar die Formulierung „sicher erkanntes Wissen―
– liegt im „Nichts― verborgen:

Omnia ex nihilo creamus.



47 G. Spencer Brown A Lion‘s Teeth, http://www.uboeschenstein.ch/texte/spencer-brown-lion12.html 48 G. Spencer Brown LoF, S.105: http://www.uboeschenstein.ch/texte/spencer-brown-LoF90.html

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In der Welt der Göttin, im Nichts, gibt es noch keine Unterscheidungen, sie weiss von
„Erkenntnisformen, die sich auf das Prä-Differentielle aller Differenzen berufen, auf die primordiale Nicht-unterschiedenheit―49, ihr Raum ist das Nirgendwo und Nirgendwann, das allem Unterscheiden vorausliegt, ein Raum ohne „Wahrheit― und ohne „Meinung―.

In unserer „Lebenswelt―, in unserer „Realität― gibt es unabdingbar das Zweierlei der Sprachwelt: Sein und Denken (G.Günther: „Ihren beiden Werten, die man in reflexivem Sprachgebrauch als―positiv― und „negativ― und in irreflexiver Terminologie als „wahr― und
„falsch― bezeichnet, entspricht eine rationale Erlebnis- und Bewusstseinstruktur, in der
sich ein „Ich-überhaupt― ganz unvermittelt einem „Etwas― gegenüber sieht. Sein und Denken stellen in diesem Schema streng unterschiedene proto-metaphysische Realitätsdimensionen dar―(2.3).

Für sprechende Menschen gibt es diese Denkwelt. Wir müssen allerdings „lernen― diese Denkwelt in einem erweiterten Raum zu denken (Heiliger BimBam – schon wieder eine Raummetapher!). Wir werden eine neue Begriffe entwickeln müssen, ein neues Wortfeld, mit denen wir uns vorsichtig, in Circumambulation einer Unbenennbarkeit nähern (schon wieder eine Raummetapher!). Im Buch „Die Reise nach Wladiwostok― von Peter Fuchs und Michael fand ich eine ganze Reihe solcher Wörter50: Unjekt, ungreifbare Begriffe51, Sinnwelt.
Die neue Semantik hilft mir – mit beiden Füssen in meiner realen Wahrnehmungswelt verbleibend - den Sprung ins Nicht-Denkbare zu wagen.

Ich kann meine Gegensatz-Denkwelt umschreibend umdenken, wenn ich meine Entweder/Oder-Logik durch eine dreiwertige Sowohl-als-auch Logik ersetze. Meine Suche nach einer Denkwelt „Jenseits von Gut und Böse― führt in die Paradoxien des Weder/Noch, ins Dreierlei, in die Denkwelt der Triaden, in die Welt des „tertium semper datur― – and „with a little bit of luck― zur Weisheit der Unsicherheit.

Die neue Semantik hilft mir – mit beiden Füssen in meiner realen Wahrnehmungswelt verbleibend - den Sprung ins Nicht-Denkbare zu wagen.

Ich kann meine Gegensatz-Denkwelt umschreibend umdenken, wenn ich meine Entweder/Oder-Logik durch eine dreiwertige Sowohl-als-auch Logik ersetze. Meine Suche nach einer Denkwelt „Jenseits von Gut und Böse― führt in die Paradoxien des Weder/Noch, ins Dreierlei, in die Denkwelt der Triaden, in die Welt des „tertium semper datur― – and „with a little bit of luck― zur Weisheit der Unsicherheit.


49 Peter Fuchs Reden und Schweigen Seite 46f. http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchsschweigen46.html 50 103 Un-jekt; 105…wir waren bei den Un-jekten und bei den Systemen. Unter Systemen dürfen wir also weder
Objekte noch Subjekte, weder Gegenstände noch Täter verstehen, sondern eben Un-jekte.
Ich vermute, dass uns die Sprache hier einen Streich spielt. Wir sind es gewohnt, Sätze mit Subjekte, Prädikat und Objekt zu bilden und glauben, aus welchen Gründen auch immer, es gäbe nun auch Subjekte, Prädikate und
Objekte. Nach Wittgenstein ist die Grammatik für uns das, was für die Fliege die Glasscheibe ist. Man spürt den
Widerstand und kapiert nicht, warum es nicht weitergeht. Für die Fliege ist die Scheibe ein Unjekt.
110 … dieses Bild vom Unjekt hat den Vorteil, dass es uns daran hindert, bei Systemen immer so eine Art Ding
vor uns zu sehen, das in eine Umwelt, die auch so eine Art Ding zu sein scheint, eingebettet ist.
112… Unjekt ist sicher der Ausdruck für eine Differenz-im-Betrieb.
51 114..Traditionen des Weder/Noch:... in der negativen Theologie wird der Begriff Gottes gewonnen durch die Negation aller denkbaren Eigenschaften. Was immer wir ihm zuschreiben, er ist es nicht. Man könnte dies alles Traditionen des Weder/Noch nennen.
115… was ich verstanden (be-griffen) habe, das ist, dass die Systemtheorie, wenn sie ihre Systeme als Unjekt begreift, negative Theologie betreibt, Unjekte sind irgendwie gottähnlich - nicht greifbar.
116... Es genügt doch, wenn man die Figur versteht, die besagt, dass im Zentrum unserer Überlegungen eine
Ortlosigkeit steht, die wir differenztheoretisch zu verstehen versuchen.
117...Es heisst...es geht...In Gottes Namen, es ist der Name einer Differenz.
http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchs-wladiwostok103.html

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3.0 Gegensatzpaare zum Dritten: Der Sprung ins Nicht-Denkbare

The Land of Three, Reflections on Reflections on Reflections

Es gibt, ihr Mönche, eine Stätte, wo es weder Erde noch Wasser noch Feuer noch Luft gibt. Es ist nicht die Stätte der Raumunendlichkeit noch die der Bewusstseinsunendlichkeit noch die des Nichtseins noch auch die Stätte, wo es weder ein Vorstellen noch ein Nichtvorstellen
gibt. Es ist nicht diese Welt noch jene Welt, sei es der Mond oder die Sonne. Ich nenne es, ihr Mönche, weder ein Kommen noch ein Gehen noch ein Stehen, weder ein Vergehen noch ein Entstehen. Es ist ohne Stütze, ohne Anfang, ohne Grundlage. Udana VIII52

Der Sprung in die Denkwelt der Drei führt an den Rand des Denkbaren, an einen unüberschreitbaren Horizont von dem aus Beobachter nichts mehr „erkennen― können, nichts mehr „sehen―, nichts mehr „unterscheiden―. Sie erleben die Leere, das Nichts: „eine Stätte, wo es weder Erde noch Wasser noch Feuer noch Luft gibt. Es ist nicht die Stätte der Raumunendlichkeit noch die der Bewusstseinsunendlichkeit noch die des Nichtseins noch
auch die Stätte, wo es weder ein Vorstellen noch ein Nichtvorstellen gibt“. Es ist die Welt des
Weder/Noch vor jeder Unterscheidung. Peter Fuchs schrieb darüber in „Reden und
Schweigen―:

„Die Weder/Noch-Kaskade scheint Nichts übrig zu lassen. Aus der Sicht des westlich orientierten Beobachters verstößt ein Versuch dieser Art gegen das Parmenideische Verbot, das Ganz-und-Gar- Nichts zu denken, zu konzeptualisieren, zu beschreiben. Zielsicher reagiert dieses Verbot auf den Umstand, daß Differenzloses sich nicht denken lässt.<span style="color: #ff0000" /> Die Idee eines Zustandes der Abwesenheit aller Differenzen schließt Unbeobachtbarkeit ein. Man kann sie mit dem Unbegriff Nichts auszeichnen und seinen Verstand aufs Spiel setzen durch Reflexion über die Positivität absoluter Negativität, auf
die Existenz von Negativitäten, oder - springen. Draw a distinction! ist dann die moderne Formulierung der Anweisung für die Operation des Sprunges im Rahmen einer formbildenden Logik.53

Differenzloses lässt sich nicht denken. Aber durch einen Sprung in eine neue Form des Nach-Denkens, einer Logik der Reflexion der Reflexion finden wir die Welten des Beobachtens.



52 Udana VIII: http://www.uboeschenstein.ch/texte/buddha/udana.html
53 Peter Fuchs: „Reden und Schweigen―, S.46 http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchsschweigen46.html

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3.1 Der Sprung ins Nach-Denkbare

Distinktionen sind der primordiale Stoff, aus dem die kognitive Welt besteht.
Rodrigo Jokisch

Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden. Heinz von Foerster

Es geht in der Dreiwelt nicht mehr um zweiwertige Unterscheidungen innen/aussen,
Subjekt/Objekt, Diesseits/Jenseits. Im „Land of Three― begegnen wir einer neuen Dimension
– dem Denkraum der Grenze zwischen den zwei Seiten einer Unterscheidung, der Differenz.
Beim Sprung in die Denkwelt des Beobachtens landen wir im Dreierlei, in der Welt der
Triaden, der Triplizität:

„Wir erzeugen eine Existenz, indem wir die Elemente einer dreifachen Identität auseinandernehmen. Die Existenz erlischt, wenn wir sie wieder zusammenfügen. Jede Kennzeichnung impliziert Dualität, wir können kein Ding produzieren, ohne Koproduktion dessen, was es nicht ist, und jede Dualität impliziert Triplizität. Was das Ding ist, was es nicht ist, und die Grenze dazwischen…Wir können nicht zwei Zustände definieren, ohne drei Elemente zu schaffen“ G. Spencer Brown54.

Dieses dreifaltige Nachdenken erfordert eine neue Sprache, neue Geschichten - we need ―to
weave an intellectual narrative incorporating tales of self-reference, paradox, and the partiality of observation that have intrigued 20th-century practitioners of science, logic, philosophy and social theory‖ (William Rasch55).

Nachdenker begannen auf der Suche nach Triplizität in der ―kognitiven Welt‖ jenseits eindeutiger Wahrheiten Geschichten zu weben, die den Beobachter ins Zentrum setzten und Abschied nahmen von den naiv –realistischen, mechanistischen Vorstellungen überholter Denkvorausetzungen. Die Kybernetiker der Mitte des 20.Jahrhunderts entwickelten eine Sprache, in der „Beschreibungen immer auch als Selbstbeschreibungen― (H. von Foerster56) erscheinen. Jean Piaget57 formulierte eine neue Erkenntnistheorie, ―an epistemology conforming to the data of psychogenesis could be neither empiricist nor preformatist, but could consist only of a Constructivism, with continual elaboration of new operations and structures‖.


54 G. Spencer Brown, GdF, S. XVIII
55 William Rasch The Self-Positing Society in: Niklas Luhmann: Theories of Distinction, Redescribing the
Discriptions of Modernity, ed. William Rasch, Stanford University 2002:
http://www.uboeschenstein.ch/texte/Luhmann-WilliamRasch.pdf
56 Heinz von Foerster: Auf einmal sprechen die Kybernetiker über sich selbst, auf einmal entsteht eine Kybernetik der Kybernetik oder eine Kybernetik zweiter Ordnung: Die Kybernetik erster Ordnung trennt das Subjekt vom Objekt, sie verweist auf eine vermeintlich unabhängige Welt "da draußen". Die Kybernetik zweiter Ordnung oder die Kybernetik der Kybernetik ist selbst zirkulär: Man lernt sich als einen Teil der Welt zu verstehen, die man beobachten will. Die gesamte Situation der Beschreibung rutscht in einen anderen Bereich, in dem man plötzlich für seine eigenen Beobachtungen die Verantwortung übernehmen muß. Entscheidend ist, daß sich die gesamte Sprache in der Kybernetik zweiter Ordnung ändert; die Referenzen auf eine beobachterunabhängige Welt werden durch die Verweise auf die eigene Person ersetzt. Die Beschreibungen erscheinen immer auch als Selbstbeschreibungen. http://www.uboeschenstein.ch/texte/foerster54.html 57 Jean Piaget: Fifty years of experience have taught us that knowledge does not result from a mere recording observations without a structuring activity on the part of the subject. Nor do any apriori or innate cognitive structures exist in man; the functioning of intelligence alone is hereditory and create structures only through an organisation of successive actions performed on objects. Consequently, an epistemology conforming to the data of psychogenesis could be neither empiricist nor preformatist, but could consist only of a Constructivism, with continual elaboration of new operations and structures. The central problem, then, is to understand how such operations come about, and why, even though they result from non-predetermined constructions, they eventually become logically necessary. Jean Piaget: http://www.uboeschenstein.ch/texte/foerster-glasersfeld.html

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Erkenntnis ist für die Denker des Konstruktivismus nicht mehr das Finden von Fakten im Aussen der „Realität―, es ist ein Prozess, ein sich selbst beobachtender Prozess der Selbstbeschreibung, in dem in einer „continual elaboration of new operations and structures‖ neue Erkenntnis entsteht - das „Wunderland der Selbstreferenz― (Christian Schuldt58). In diesem Wunderland operiert die Systemtheorie, die Niklas Luhmann „operative Epistemologie― nennt.

„Der Eintritt ins Reich der Systemtheorie gleicht einem Eintritt in eine andere Dimension: Man betritt eine Art spiegelverkehrte Welt, ein Universum voller Paradoxien und Widersprüche. Das erfordert - und erzeugt - eine neue, andersartige Sicht der Dinge. Um sich im Labyrinth der Systemtheorie zurechtfinden zu können, muss man zunächst einmal alles hinter sich lassen, was einem der Alltagsverstand antrainiert hat. Ein bisschen ist es so wie am Eingang zum Magischen Theater in Hesses "Steppenwolf", an dessen Pforte der verheißungsvolle Hinweis prangt: "Eintritt kostet den Verstand". (Christian Schuldt)

Mich hat hat der Eintritt ins magische Theater der Systemtheorie nicht den Verstand gekostet, ganz im Gegenteil, ich habe erst bei Luhmann gelernt brauchbar zu denken, nachzudenken über das Phänomen unseres Denkens überhaupt: das Beobachten und den Beobachter – das kostet dann eben doch den Verstand, mindestens den Alltagsverstand, in dem wir von selbstverständlichen Unterscheidungen, von polaren Gegensatzpaaren ausgehen, von dem was ist und dem was nicht ist, was aussen ist und was innen ist. Über diesen Alltagsverstand hinauszudenken ist ein sehr schwieriger Prozess. Er erfordert Umgang mit Paradoxien, und an Paradoxien ist mein Denken lange Zeit gestolpert.

Paradoxien waren in der Zwei-Welt der Suche nach eindeutiger Wahrheit verboten
(Bertrand Russel), die Logiker konnten mit Paradoxien nicht umgehen, sie gingen von einem sicheren Grund aus und fanden Sicherheit in der Logik des Aristoteles, in der der Satz vom ausgeschlossenen Dritten gilt – Tertium non datur. Darüber hinaus führt kein Weg, da ist
kein Suchen nach einem „Tertium― möglich. Das Dritte gibt es nicht. Ich brauchte sehr lange um denken zu lernen, dass es das Dritte nur so lange nicht „gibt―, als wir es in der Dingwelt
suchen. Das Dritte ist nicht ein „Etwas―, nach dem man suchen kann. Solange ich, sprachgefangen, in einer Dingwelt nach dem Dritten suchte, blieb die Suche ohne Erfolg. In meiner alltäglichen Denkwelt, die aus meiner alltäglichen Wahrnehmungswelt erscheint und
die immer eine Dingwelt bleibt, kann ich nur einfältig denken. Ich erkenne immer eindeutig
„etwas―. Meine Denkwelt, die immer sprachlich geprägt ist, bleibt immer zweifältig, ich kann nur in Gegensätzen nachdenken und bleibe dann in Gegensätzen stecken. Es ist zum
verzweifeln - wie komme ich zum „Drei-feln―? Wie finde ich das Dritte, das Zusammenfallen
der Gegensätze, die coincidentia oppositorum, die Einheit der Zweiheit. Erst im Denkraum der Selbstreferenz, in der Systemtheorie von Niklas Luhmann, eröffnet sich mir eine Form
des Umgangs mit Paradoxien:

Alles Beobachten (Erkennen und Handeln) ist paradox fundiert, da es auf Unterscheidungen angewiesen ist, die es operativ einsetzen, aber nicht als Einheit reflektieren kann. Wenn eine solche Reflexion versucht wird, wird sie mit einem Paradox bestraft: Das Unterschiedene ist Dasselbe. Niklas Luhmann59

„Das Unterschiedene ist Dasselbe―- die Grund-Paradoxie. Ich musste lernen Paradoxien zu
„entfalten― im schwierig zu denkenden Problemfeld der Trinität: Einheit – Grenze – Einheit, oder, wie Spencer Brown sagte: Kennzeichnung – Grenze – Kennzeichnung.

58 Christian Schuldt Systemtheorie, 2006: http://www.uboeschenstein.ch/texte/schultsystemtheorie9.html
59 Niklas LuhmannGG 1136: http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann_ges1136.html

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"Was ist der Fall?" und "Was steckt dahinter?"

In Luhmanns operativer Erkenntnistheorie ist die Frage nach dem Zusammenhang von Realität und Beobachtung dieser Realität ganz zentral. Er stellt sie in seiner Abschieds- vorlesung (1993)60: "Was ist der Fall?" und "Was steckt dahinter?" Ich fand in diesemText eine Zusammenfassung von Ideen, Modellen und Begriffen, an denen Luhmann dreissig Jahre gearbeitet hatte, und in denen er den Übergang vom statischen Sein-Denken zum dynamischen Prozessdenken formuliert: die Umschrift von der Leitunterscheidung Sein/Nichtsein zum systemtheoretischen Unterscheiden von System/Umwelt.

In der Denkwelt des „Was ist der Fall?―, der Denkwelt der Empirie, in der die Wissenschaften seit den alten Griechen nach der Wahrheit suchen, können Fragen nach dem „Was steckt dahinter?― nicht einmal gestellt werden. Die Wissenschaft überlässt diese Frage den Metaphysikern. „Der Projektbetrieb der empirischen Forschung läuft weiter unter der Voraussetzung, daß man durch die Realität entscheiden lassen kann, was wahr und was unwahr ist.― Realität ist die Welt draussen, sie ist vorgegeben, Realität ist der Fall! Aber:
Wer beschreibt dieses Aussen? Bei Luhmann lernte ich: Der Beobachter. Die Frage „Was ist der Fall?― muss neu gestellt werden:

„Die Antwort auf die Frage: was ist der Fall? müßte jetzt lauten: das, was beobachtet wird, unter Einschluß der Beobachtung von Beobachtern. Die Antwort auf die Frage: was steckt dahinter? müßte jetzt lauten: das, was beim Beobachten nicht beobachtet werden kann. Das aber ist der immer vorausgesetzte "unmarked space" (Spencer Brown), in den jede Unterscheidung eingekerbt wird; oder auch "Sinn" als Medium aller darin gebildeten gebundenen Formen; und schließlich der Beobachter selbst, oder genauer: die Einheit der jeweils aktualisierten Operation Beobachten mitsamt den rekursiven Verweisungen, die ihre Einheit gerade hier und jetzt ermöglichen…Was steckt dahinter? Was sind die meta ta physika? Doch nicht mehr die wahren Einteilungen des Seins, die Kategorien, sondern die Unterscheidungen. Die Unterscheidungen eines Beobachters. Also finden wir zurück zu der Frage, die die Soziologie immer schon gestellt und für sich beantwortet hatte: Wer ist
der Beobachter? Die Metaphysik - das ist der Beobachter. Der real operierende Beobachter. Also
der zu beobachtende Beobachter. Also der Beobachter beobachtende Beobachter. Also das rekursive Netzwerk des Beobachtens des Beobachtens. Also Kommunikation und zwar tatsächlich stattfindende, wirkliche Kommunikation.
Wie und wozu führt man das Wissen um das, was dahintersteckt, in die gesellschaftliche Welt der
Tatsachen zurück. Dem modernen Wissenschaftsethos liegt es fern, darin ein Geheimwissen zu sehen und die semantische Figur des Geheimnisses zu benutzen, um die Frage nach dem Sinn der draufgedoppelten Hinterwelt anzuerkennen und abzuweisen. Mit diesem Problem findet die
Soziologie sich heute nicht mehr allein in der Welt. Daß es in ihrem Fall das Gesellschaftssystem betrifft, spitzt die Frage zwar zu. Aber auch die Mathematik, die Physik, die Linguistik, ja selbst die Philosophie - um nur einige Disziplinen zu nennen - stellen die Frage, was mit der Welt geschieht, wenn sie einen Beobachter enthält.
Die Differenz der beiden Fragen: "was ist der Fall?" und "was steckt dahinter?" verlangt nach Einheit. Sie bildet ein "dialektisches" Problem, hätte man in einer bestimmten philosophischen Theorietradition gesagt. Aber auch unabhängig davon kann man nicht ignorieren, daß die Soziologie sich bemüht, die Unterscheidung der Ebenen nicht im bloßen Unterschiedensein zu belassen, sondern die Unterscheidung selbst in der einen oder anderen Weise auf die eine ihrer Seiten, auf die Ebene der Tatsachen zurückzubringen. Es braucht nicht viel Argumente, um plausibel zu machen, daß die Soziologie die Gesellschaft nur in der Gesellschaft beschreiben kann. Sie braucht dafür Kommunikation als unerläßliche Art der Operation…Jedenfalls kommt Soziologie nur in der Gesellschaft vor, nicht außerhalb der Gesellschaft. Will man genauer wissen, wie sie in der Gesellschaft vorkommt, lautet die Antwort: als Wissenschaft. Die Soziologie hat keine andere Arbeitsgrundlage. Das erklärt bereits jene Doppelperspektive der beiden Fragen. Soweit die
Soziologie Wissenschaft zu sein hat, stellt sie die Frage: was ist der Fall? Soweit sie sich für die
Frage: was steckt dahinter? interessiert, ist ihre Systemreferenz das Gesellschaftssystem.
Eine solche Theorie würde ausschließlich auf eigenes Risiko aufgeführt werden, und sie versuchte zugleich, ein Höchstmaß an gesellschaftlicher Resonanzfähigkeit zu inkarnieren.Sie hätte keine abbildende, auch keine repräsentierende Funktion.


60 Niklas Luhmann: http://www.uboeschenstein.ch/texte/Luhmann-Emeritierungsvorlesung.pdf

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Sie bezöge ihre Beschränkungen nicht als Vorgabe aus der "Natur" oder dem "Wesen" ihres Gegenstandes, sondern müßte sie selbst konstruieren. Sie wäre damit ihre eigene Methode. Sie wäre aber in dieser Weise ein Modell der Gesellschaft in der Gesellschaft, das über die Eigenart dieser Gesellschaft "in-formiert". Ihre Leistung wäre: sichselbstdisziplinierende Beobachtungsmöglichkeiten freizusetzen, die nicht an die im Alltag oder in den Funktionssystemen eingeübten Beschränkungen gebunden sind. Alles weitere ist eine Frage der unter so strengen Bedingungen noch realisierbaren Komplexität. Wenn dies gelänge, hätte man eine Gesellschaft, die sich mit Hilfe der Soziologie selbst beschreibt. Und was steckt dahinter? Gar nichts!

3.2 Grenz-Beobachtungen

Was sind die letzten Ursachen und Prinzipien der Welt? - Holzschnitt aus Camille Flammarions
L'Atmosphere (1888) - Wiki: Metaphysik

Wer nach dem "Was steckt dahinter?" fragt, sieht sich mit dem paradoxen Problem der Selbstreferenz61 konfrontiert. Er kann seine Fragen in unserer Alltagssprache kaum mehr formulieren, er muss neu und anders Unterscheiden, seine Denkvoraussetzungen reflektieren, seine Begriffe hinterfragen. Beim Reflektieren erkennt der Frager: Dahinter steckt gar nichts, kein Etwas und kein Nicht-Etwas, eben gar nichts. Das Dahinter ist nicht beobachtbar, nicht unterscheidbar, nicht benennbar. Dahinter steckt „die primordiale Nicht- Unterschiedenheit―62. Man müsste – sagte Wittgenstein im Tractatus – darüber schweigen:

6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
7 Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.63


61 Christian Schuldt Systemtheorie S.14: Der Eintritt ins Reich der Systemtheorie gleicht einem Eintritt in eine andere Dimension: Man betritt eine Art spiegelverkehrte Welt, ein Universum voller Paradoxien und Widersprüche. Das erfordert - und erzeugt - eine neue, andersartige Sicht der Dinge. Das Zauberwort, dass dieses systemtheoretischen Verbindung zu Grunde liegt, lautet „Selbstreferenz―. Das heißt zunächst nichts weiter, als dass es in Luhmanns Theorie um Systeme geht, die sich in all ihren Aktionen und Reaktionen selbst beschreiben. Das selbstbezügliche Grundmuster systemtheoretischen Denkens folgt aus dem allumfassenden Anspruch der Theorie. http://www.uboeschenstein.ch/texte/schultsystemtheorie9.html 62 Peter Fuchs: Reden und Schweigen Seite 46f. http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchsschweigen46.html
63 Ludwig Wittgenstein: Tractatus 6.5 - Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die
Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.
6.521 Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der
Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)
6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er
durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist.) Er muß dies Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
7 Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. http://www.lsw.uni-heidelberg.de/users/sbrinkma/lit/wittgenstein.html

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Ich will aber nicht schweigen, ich möchte schauen, nicht dahinter – aber dazwischen.
Die naive Hinausbeobachtung – wie im Holzschnitt - habe ich mir abgewöhnt, mir geht es um das Beobachten auf der Grenze dazwischen. Alle Begriffe denen ich bei Luhmann
begegnete - Beobacher, Selbstreferenz, Unterscheidung, Paradox und Nichts – beziehen sich auf ein Dazwischen, auf die Differenz, auf ein Drittes, auf die Grenze. Die Grenze ist der
„Raum― des Tertium. Im Grenzraum passiert Unbeschreibbares – oder ist es eben doch
beschreibbar? Und wenn ja, wie?

„Das Undenkbare denken, wenn es denn möglich ist oder gelingt, verpflichtet offenbar zu einem undenkbaren Denken. Wenn das Undenkbare Gegenstand des Denkens ist, dann offenbar in der Weise, dass sich das Denken entweder am Undenkbaren die Zähne ausbeisst, oder sich selbst als das Undenkbare vorstellt― (Jürgen Mittelstrass64)

Denken ist Unterscheiden, oder in der Begrifflichkeit der Systemtheorie – Beobachten, d.h. unterscheiden und bezeichnen. Diese Operation kann nur im Grenzraum (der kein Raum ist!) stattfinden, wenn diesem Noch-nicht-Raum, der durch das Unterscheiden gespalten wird, eine „Basis-Dimension als Grundlage der Unterscheidung― (Egidy65) voraus liegt. Das ist der erste harte Brocken der kaum zu Beissen ist: was der Spaltung voraus liegt, ist nicht
„gar nichts― – es ist der unbeobachtbare Horizont, ein „unmarked space―. Bis zum Horizont (Achtung! Raummetapher) ersteckt sich ein Ermöglichungsraum, die Sinndimension, das unbeobachtbare Medium Sinn mit seinen schwirrenden Möglichkeiten, das uns nur in bestimmenden Zeichen, Wörten, als Formen greifbar wird.

Der zweite Brocken liegt in der Reflexion auf das „Sich-selber-als-das-Undenkbare- vorstellen―. Das Denken muss sich selbst hinterfragen. Wie unterscheide ich? Wie unterscheide ich mich selber? Wie erkenne ich mich selbst – als Beobachter? Im Beobachten 1. Ordnung - in allem alltäglichen Beobachten – bleibt der Beobachter unbeobachtet. Die Operation Beobachten spaltet und verweist auf „etwas―, sie markiert eine Seite und markiert nicht die andere Seite. Die Frage „Wer beobachtet?― kann nicht gestellt werden. Der Beobachter „ist― nicht, er kann in der abbildenden Menschensprache der Beobachtung 1. Ordnung nicht dargestellt werden.

Reflexion-auf-sich-selbst erfordert eine Beobachtung 2.Ordnung, das Beobachten des Beobachtens. Diese Reflexion erfordert eine andere Sprachform, eine Sprache in der Wörter (Symbole) „keine abbildende, auch keine repräsentierende Funktion― (Luhmann) haben.
Auf dieser Ebene beisst der „Selbst-Beobachter― auf ganz Hartes, er muss erkennen, dass er sich selbst nie „ganz―, nie vollständig, nie all-umfassend erkennen kann, denn ―in order to do
so (to see itself UB), evidently it must first cut itself up into it least one state which sees, and


64 Jürgen Mittelstrass, Das Undenkbare denken, S.5.
65 Holm v. Egidy Die Beobachtung der Wirklichkeit, S.90: Das Gegebensein des qualitativen Raums: Dass die
Unterscheidung getroffen wird, setzt voraus, dass ein Raum gegeben ist, in dem Grenzen gezogen werden können. Der Begriff „Raum― soll also meinen, dass es einen Bereich gibt, in dem verschiedene Orte isoliert werden können, diese also nicht in eins fallen oder identisch sind. Z.B. wäre nicht nur das Gesichtsfeld, in dem jeder Ort eine Farbe hat, sondern auch das Farbendreieck selbst ein Raum in diesem Sinne. Da verschiedene Farben hier unterschieden werden können, Farben untereinander ähnlich sind und sogar zwischen zwei Farben immer noch eine weitere Farbe gefunden werden kann, ist dies ein Raum im genannten Sinn. Mit der letztgenannten Bedingung erfüllt er auch die Kriterien eines Kontinuums.Man kann auch formulieren: Es wird eine Basis-Dimension als Grundlage der Unterscheidung betrachtet. So werden Orte unterschieden, die zugleich mit anderen Dimensionen verbunden sind. Dadurch, dass jeder Ort ein Schnittpunkt von Dimensionen ist, ergibt sich ein Wert oder eine bestimmte Qualität an dem Ort in demjenigen Raum, der als durch die Unterscheidung unterschieden betrachtet wird. Jede Teilung bedeutet eine Trennung der geteilten Teile. Damit sind sie wenigstens potentiell durch eine Unterscheidung i.S. der LoF unterscheidbar. Auf die Orte des Raumes muss auch ein Hinweis erfolgen können, d.h., der Raum muss in irgendeiner Weise eine Bezugnahme ermöglichen. Der Raum darf also weder transzendent, noch so homogen sein, dass keine unterschiedenen
Inhalte isoliert werden können. In einem Farbraum, der nur aus einem ganz bestimmten Rot-Ton bestehen würde, wäre kein Hinweis anzubringen, da hier keine Unterscheidungen vorgenommen werden könnten. Es gilt also die Aussage aus dem ersten Satz der LoF, „dass wir keinen Hinweis vornehmen können, ohne eine Unterscheidung zu treffen“.

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it least one other state which is seen. In this severed and mutilated condition, whatever it
sees is only partially itself‖ (Spencer Brown66). Jede Unterscheidung lässt zwei Seiten
―erscheinen‖ (appear), bezeichnet wird aber nur eine Seite. Daneben, dahinter, dabei
versteckt sich der „unmarked space―, das Unbeobachtbare.

Meine Selbstbeobachtungen – das dahinter versteckte Hauptthema meines „Testaments eines alten Linguisten― – haben mich in viele Denkräume geführt. Ich musste lernen zu erkennen, dass ich nicht „wissen― kann, wer ich bin. Ich musste auch lernen die einfache Unterscheidung von Physik (Realität) / Metaphysik (Transzendenz) zu hinterfragen und mir das „Dahinter― nicht mehr vorzustellen. Ich musste lernen von der Grenze aus, vom Dritten aus zu denken.

Selbstbeobachtungen auf der Grenze – Der Hagazussa67

Unterwegs zu dieser Erkenntnis habe ich viele Geschichten von Metaphysikern studiert, die nach dem Dahinter fragten und das Unbeschreibbare in vielen Formen beschrieben und in
„religiösen Kommunikationen―68 ihren Mitmenschen mitteilten. Jahrhundertelang haben sie dem Unsichtbaren Namen gegeben: die Geister, die Ahnen, die Götter, den einen Gott, oder
– das Nichts. Sie haben auch Anweisungen formuliert, wie man sich diesen geheimnisvollen Entitäten nähern kann, oder sogar muss69. Mir sind die Gebote des „lieben Gottes― als Kind von frommen Eltern eingetrichtert worden. Ich wurde als „armer Sünder― sozialisiert, habe aber an der Validität der Gott- und Menschbeschreibungen christlicher Theologen schon als Sechzehnjähriger angefangen zu zweifeln und dann viele Jahre lang nicht mehr gefragt
„Was steckt dahinter?― sondern „Wer steckt dahinter? Ich? Wer bin ich, dass ich fragen kann? Ich suchte viele Jahre lang Antworten in der Psychologie des Unbewussten, machte sogar eine Psychotherapie, habe mich dabei aber trotz verzweifelter Suche nicht gefunden.

Meine „innere Ruhe― habe ich erst als alter Mann beim Drei-feln, beim Sitzenbleiben auf der Grenze gefunden. Nachdenken über das Nachdenken – Reflexion<span style="color: #ff0000" />3 - ist, so will mir scheinen, die einzige brauchbare Methode. Ich beobachte mich selbst als Beobachter 2. Ordnung und lernte auf der Grenze meiner „ersten Unterscheidung― sitzenzubleiben, ich werde dabei ein Hagazussa, kann „erkennen―, was in der „Welt― ist und was „jenseits der Welt― ist?...liegt?...sich befindet? …sichtbar ist? Ich fange hier an, mir am „Unsagbaren― die Zähne auszubeissen; der alte Linguist „weiss― nicht weiter. Er kann die Jenseits-Welt, die Metaphysika; mit seinen Sprachmitteln, seine Wörtern, seinen Begriffe nicht mehr be- greifen, nicht mehr er-fassen, nicht mehr be-merken.


66 G. Spencer Brown LoF, S.105: ―We cannot escape the fact that the world we know is constructed in order (and thus in such a way as to be able) to see itself. This is indeed amazing. Not so much in view of what it sees, although this may appear fantastic enough, but in respect of the fact that it can see at all. But in order to do so, evidently it must first cut itself up into it least one state which sees, and it least one other state which is seen. In this severed and mutilated condition, whatever the sees is only partially itself. We may take it that the world undoubtedly is itself (i.e. is indistinct from itself), but, in any attempt to see itself as an object, it must equally undoubtedly, act* (actor, antagonist. We may note the identity of action with agony.) so as to make itself distinct from, and therefore false to, itself. In this condition it will all this partially elude itself.…the appearance of any first distinction, and only a minor aspect of all being, apparent and non-apparent. Its particularity is the price we pay for its visibility.), must always seem to us, its representatives, to be playing a kind of hide and seek with itself‖ http://www.uboeschenstein.ch/texte/spencer-brown-LoF90.html
67 Hagazussa ist die Zaunreiterin - zwischen der Welt der Menschen auf der Erde und der Anderswelt...der
erste Bestandteil von hagazussa ist wahrscheinlich althochdeutsch HAG („Zaun, Hecke, Gehege“), der zweite ist möglicherweise mit germanisch/norwegisch tysja („Elfe, böser/guter Geist“) und litauisch dvasia „Geist, Seele“ verwandt, also vermutlich ein auf Hecken oder Grenzen befindlicher Geist. Eine andere Herleitung versteht ZUSSA als „sitzen“, so dass eine HAGAZUSSA eine auf oder in der Hecke sitzende Person bezeichnen könnte." (Wikipedia) http://www.hagazussa.tv/
68 Niklas Luhmann Die Religion der Gesellschaft, Suhrkamp 2002
69 Der erste Beruf, der sich in Menschengesellschaften ausdifferenzierte, war die „Berufung― der Priester, der
Gottbeschreiber, der Theologen.

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Wörter verweisen immer auf „etwas―, sie bezeichnen Unterscheidungen 1. Ordnung, sie gaukeln uns Eindeutigkeit vor, sie verstecken ihren „unmarked space―. Beobachtungen 1. Ordnung sind aber nicht sprachabhängig, unterscheiden und hinweisen (referieren) ermöglichen allen Lebewesen mit Sinnesorganen und Gehirnen in einer „Welt― zu navigieren, sie konstruieren diese Welt innerhalb ihrer Grenze, innerhalb ihrer „Abgrenzung― vom
Aussen. Sie erkennen immer im Innern und meinen sie könnten ein Aussen erkennen. Auch für sprechende Menschen ist die Wahrnehmungswelt ein-fach, sie sehen, hören, riechen
„etwas― und sie können nicht gleichzeitig fragen: Was steckt dahinter? Diese Frage kann
erst gestellt werden, wenn die Basisdimension des Beobachtens eine sprachlich geformte Sinn-Dimension ist, wenn sich die Sinndimension auf einer neuen Ebene entwickelt, der Ebene des Bezeichnens.

„Beobachtung erster Ordnung ist, wie man deshalb auch sagen kann, eine ontologisierende Operation. Mit der Möglichkeit, Beobachtung zu beobachten, lösen sich die Schattenreiche essentialistischer Weltentwürfe auf― (Peter Fuchs70).

Erst der Grenzsitzer, ein Beobachter 2. Ordnung, kann als „Beobachter des Beobachtens― von seinem „höheren― Beobachtungsstandpunkt aus bemerken, dass Beobachten eine Operation mit gleichzeitig zwei Operationen ist: unterscheiden und „markieren―, hinweisen – nach Spencer Brown: the idea of distinction + the idea of indication. Der beobachtende Linguist bemerkt (immer mit Mitteln der „verräumlichenden― Sprache beobachtend), dass es zwei Ebenen des Hinweisens gibt: die Ebene der einfachen Bezugnahme (Referenz) auf
„etwas― und die Ebene des Bezeichnens (des Nennens, calling), eine doppelte Bezugnahme. Das Bezeichnen erweitert den Beobachtungsraum, es wird möglich Gegensätzliches zu
beobachten.

„In der Operation der Beobachtung ist ‚Bezeichnen‘ nicht mehr schiere ‚Hinweishaftigkeit‘. Es wird in einem genauen Sinne wörtlich – als ein Be-Nennen (‚Benamsen‘) der einen und der anderen Seite der Unterscheidung. Daran wird auch deutlich, welch exorbitante Rolle die Sprache bei der Ausdifferenzierung und Raffinierung von Beobachtungsmöglichkeiten spielt. Sie stellt das Zeichen und das Zeichenvernetzungsrepertoire zur Verfügung, in dem Unterscheidungen (und nicht nur: Hinweise) leichtgängig und imposant traktierbar werden― (Peter Fuchs71)


70 Peter Fuchs Das System Selbst, S.49 Die Beobachtung erster Ordnung ist…das Hantieren mit Unterscheidungen im Blick auf eine Informationsverarbeitung, die sowohl die eine wie die andere Seite der aktuellen Unterscheidung ansteuern kann…Die Unterscheidung im Einsatz instruiert die Systemprozesse als
‚diese‘ Unterscheidung und als ‚nur diese‘ Unterscheidung. Die Differenz selbst steht dabei außer Frage. Sie ist,
wenn man so will, das generative Prinzip, die arché, die zentrale Direktive im Fortgang der Systemprozesse.
Beobachtung erster Ordnung ist, wie man deshalb auch sagen kann, eine ontologisierende Operation. Sie
fußt auf dem Nehmen des Bezeichneten als ‚Gegebenheit‘, als ‚Unstrittigkeit‘, als das, was der Fall ist. Die Welt dieser Beobachtungsordnung ist gleichsam fest verdrahtet, beschreibungsfähig, im Prinzip: vollzählig. Obwohl diese Welt durch die Operation der Beobachtung ‚hinbeobachtet‘ wird, ist gerade dies ausgeblendet: daß sie am Haken beobachtender Operationen hängt. Sie wird behandelt, als existiere sie beobachtungsfrei – als Tatsächlichkeit, von der aus sich nicht mehr mitsehen läßt, daß es um eine fungierende Faktizität, um eine fungierende Ontologie geht. Das ändert sich entschieden, wenn durch die Operation der Beobachtung zweiter Ordnung so etwas wie eine doppelte Differentialität aufgespannt wird. Zunächst deckt sich in dieser Operation das Beobachten als Beobachten auf: Das beobachtende System beobachtet, daß es selbst oder andere Systeme die Operationsform der Beobachtung durchführen. Es beobachtet damit auch, daß
Beobachtung selbst beobachtbar ist. Und: Es kann dies beobachten, wenn es in der Lage ist, die Unterscheidung zu bezeichnen und damit zu unterscheiden, die der Beobachtung des beobachteten Systems zugrunde liegt. Es geht dann nicht um die Unterscheidung von Dingen bzw. Sachverhalten, sondern um die Unterscheidung von Unterscheidungen. Die Informationsverarbeitung des beobachtenden Systems steuert sich nicht an dem aus, was das beobachtete System als ‚gegeben‘ nimmt, sondern daran, wie durch spezifischen Unterscheidungs- einsatz das je ‚Gegebene‘ für dieses System erzeugt wird. In genau diesem Sinne projiziert die Beobachtungs- ebene zweiter Ordnung: Kontingenz. Sie modalisiert die Welt des beobachteten und des beobachtenden Beobachters und wirkt auf diese Weise de-ontologisierend, wenn darunter verstanden wird, daß ebendiese Welt von der Fraglosigkeit des in ihr Gegebenen in die Fraglichkeit jeder seins- oder wesenhaften Fixierung verschoben wird. Mit der Möglichkeit, Beobachtung zu beobachten, lösen sich die Schattenreiche essentialistischer Weltentwürfe auf.
71 Peter Fuchs Das System Selbst, Seite 220

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Das „Benamsen― wird erst möglich wird, wenn dem Benenner, dem Bezeichner, Sinn- Zeichen zur Verfügung stehen. Der Hagazussa bemerkt, dass

„…für psychische Systeme gilt, daß ihre operative Synthetik (oder Syndosis) ohne das Medium der Sinnverweisungen kaum zu denken ist. Sie ist auf ein ‚Bemerken‘ angewiesen. Es fügt sich, daß dieses ‚Bemerken‘ schon etymologisch auf ein Beobachten hinausläuft. Das althochdeutsche
‚merchen‘ heißt soviel wie die Sinne ausrichten auf etwas dadurch Angepeiltes im Blickfeld.
‚Aufmerksamkeit‘ ist davon abgeleitet, aber auch: die Marke, das Markieren― (Peter Fuchs72).

Be-merken heisst Be-marken. Wir be-marken mit einer Mark, wir setzen eine Grenze. Draw a distinction! bedeutet: markieren der Unterscheidung, der Differenz. Beim Betrachten des Unterscheidens zum Grenzsitzer geworden, kann ich von der „Grenze― aus gleichzeitig beide Seiten meiner Unterscheidung „sehen―? Kann ich auch „sehen―, was ich nicht „sehen― kann? Was steckt hinter der Unterscheidung? Ich? Ich bin der Unterscheider. Ich konstruiere als Beobachter eine doppelte Welt, eine Realität innerhalb der Form und eine „meta-physische― Wirklichkeit ausserhalb, den ―unmarkierten Raum―.

„Die Antwort auf die Frage: was steckt dahinter? müßte jetzt lauten: das, was beim Beobachten
nicht beobachtet werden kann. Das aber ist der immer vorausgesetzte "unmarked space" (Spencer Brown), in den jede Unterscheidung eingekerbt wird; oder auch "Sinn" als Medium aller darin gebildeten gebundenen Formen; und schließlich der Beobachter selbst, oder genauer: die Einheit der jeweils aktualisierten Operation Beobachten mitsamt den rekursiven Verweisungen, die ihre Einheit gerade hier und jetzt ermöglichen…Was steckt dahinter? Was sind die meta ta physika? Doch nicht mehr die wahren Einteilungen des Seins, die Kategorien, sondern die Unterscheidungen. Die Unterscheidungen eines Beobachters. Also finden wir zurück zu der Frage, die die Soziologie immer schon gestellt und für sich beantwortet hatte: Wer ist der Beobachter? Die Metaphysik - das ist der Beobachter“ (Luhmann).

Jenseits der Welt der Wahrnehmung, der eindeutigen Beobachtung 1. Ordnung entstand mit der Evolution des Sprechens, des Kommunizierens, eine reflexive Welt der Bezeichnung, die Welt der Beobachtung 2. Ordnung. Dem Hagazussa öffnet die Denkmittelevolution seit der
„Erfindung― des Schreibens noch eine weitere Ebene des Denkens.

Wenn es dem „Beobachter― gelingt im „Raum― der Grenze zu reflektieren, wird eine Beobachtung der Beobachtung des Beobachtens des Beobachtens möglich, er wird ein Beobachter 3. Ordnung73, er beobachtet die Form der Form, er kommt zum „Drei-feln―, er findet das Dritte, das Zusammenfallen der Gegensätze, die coincidentia oppositorum, die Einheit der Zweiheit. An diesem Punkt (einem Zeitpunkt - und nicht einem Raumpunkt) merkt der Grenzsitzer, dass er sich bewegen muss; ich muss zum zeit-reisenden Grenz-
Gänger werden. Der Hagazussa wird ein „Wizard―74., unterwegs zum „wisdom― (Wissen-heit). Der Wizard macht Witze, er erzeugt „Wissen―. Er ist ein „guiscart― – ein Scharfsinniger. Er erkennt Sinn.


72 Peter Fuchs Das System Selbst, Seite 220 73 H.v.Egidy Beobachtung der Wirklichkeit, S.113: Es kann, das ist hier die These, auch der Hinweis in der Beobachtung selbst beobachtet werden. Diese Beobachtung heiße Beobachtung 3. Ordnung. Sie ermöglicht also, die verschiedenen Beobachtungsordnungen zu beobachten und einzusetzen…In der Beobachtung 3. Ordnung wird die Bezugnahme (also das was den Hinweis ausmacht) beobachtet, d.h. unterschieden und auf sie hingewiesen 74 Witch: (Hexe) - aus altenglisch wicche, angelsächsisch wicca (mask.) oder wicce (fem.): einer verderbten Form von witga der Kurzform von witega („Seher, Wahrsager―), das seinerseits von angelsächsisch witan („sehen, wissen“) herrührt; ein entfernter indogermanischer Verwandter auch die indischen Veden. Entsprechend entwickelt isländisch vitki (Hexe) aus vita („wissen―) oder vizkr („Kluger, Wissender―). Wizard („Zauberer―) stammt von normannisch-französisch wischard, altfranzösisch guiscart („der Scharfsinnige―). . http://de.wikipedia.org/wiki/Hagazussa#Etymologie

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Er weiss, dass es viele Ebenen des Wissens gibt, viel mehr als die absolute Polarität von Wissen/Nichtwissen ahnen lässt. Er ist unterwegs als Beobachter des Dritten, der geheimnisvollen Trinität. Er beobachtet als nachdenkender Grenzgänger die Sinndimension von einem anderen Blickwinkel aus, erkennt das Dritte als neue, andere Denkdimension:

Das Dritte ist die Grenze
Das Dritte ist der Beobachter
Das Dritte ist die Differenz


Zeit für eine Denkpause! - mit einer Zwischenbemerkung:

Caminante, son tus huellas el camino, y nada mas. Caminante, no hay camino, se hace camino al andar.
Al andar se hace camino y al volver la vista atras se ve la senda que nunca se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino sino estelas en el mar. Antonio Machado




3.3 Gedankengänge – Reflexionen - Denkdimensionen

„Ich bin jeden Tag nachdenkend unterwegs, mein Nachdenken hört nie auf, auch nicht wenn
ich träume. Ich lebe einen Denkweg75. Wohin führt er? Das weiss ich nicht. Das weiss nicht
―Ich‖. Mein Denkweg macht sich selbst, ich weiss nicht wohin er führt, ich weiss nur, es ist ein offener Weg mit vielen Umwegen - ohne Ziel―. Diese Sätze habe ich vor vielen Jahren geschrieben. Ich war nach 2500 km zielbewusster Reise, einer Wallfahrt (wallen, in eine bestimmte Richtung ziehen), am Ende der Welt (finis terrae) angekommen und konnte nicht mehr weiter, konnte auch nicht mehr zurück, musste sitzen bleiben und lernen nachdenkend neue Dimensionen des Reflektierens zu entdecken. Ich war auf der Grenze zwischen festem Land und offenem Meer ein nachdenkender Grenzgänger geworden, ich fragte mich: Wer sind wir Menschen, dass wir Gut und Böse erkennen? Können wir auch „hinter― diese
polaren Unterscheidungen denken, ins „Jenseits von Gut und Böse― (Nietzsche)?

Lange Zeit bin ich beim Nachdenken in der zweiwertigen Denkwelt meiner Sprache steckengeblieben und begegnete - als Anfänger im Grenzgehen - der Welt der Drei nur beim Zählen. Ich hatte alle Köpfe voll zu tun, erst einmal zu lernen, brauchbarer zwei-fältig zu denken, indem ich versuchte, meine Unterscheidungen, meine polaren Gegensätze zu hinterfragen. Das habe ich bei der Lektüre von Gregory Batesons „Mind and Nature, A necessary unity― gelernt.

Ich entdeckte, dass in den Sprachen unseres Kulturkreises Unterscheidungen wie Axiome eingebaut sind. Seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren geht unser Denken davon aus, dass Geist und Materie zwei verschiedene Dinge sind. Die Unterscheidung Körper/Geist ist für uns „selbst―-verständlich, wir verstehen uns selbst als zweigeteilt, oben der Geist, unten der Körper. Gregory Bateson eröffnete mir die Möglichkeit, Geist und Körper als Einheit zu denken, a necessary unity. Das war der Anfang meines Prozessdenkens: Geist ist ein Prozess, nicht ein Etwas – nicht eine „res cogitans―, wie René Descartes noch im
17.Jahrhundert angenommen hatte. Sprache „gibt― es nicht, Sprache ist ein Prozess! Das habe ich erst nach einem langen Denkweg kapiert. Dabei habe ich ebenfalls denken gelernt,
dass es auch den Weg nicht gibt. Der Weg macht sich beim Gehen, im Erleben unseres
Gehens, im steten Wandel unserer Lebenswelt, in der wir nicht zweimal im demselben Fluss

75 Urs Boeschenstein: Offene Weite nichts von heilig: http://www.uboeschenstein.ch/texte/offeneWeite-text5.pdf

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baden können. Und doch ist der Fluss etwas Gleichbleibendes. Ich kann durchaus zweimal im selben Flusss baden, nur nicht zweimal im selben Wasser.<span style="color: #ff0000" /> Das waren schon recht schwierige, komplexe Gedanken im Denkraum der Abstraktionen! Wie haben wir Menschen gelernt, „Denkebenen― zu unterscheiden? Gregory Bateson stellt diese Frage in seinem Buch „Ökologie des Geistes―. Er unterscheidet Stufen des Lernens (und zählt sie): Lernen I, Lernen II, Lernen III - Lernen, Lernen des Lernens, Lernen des Lernens des Lernens.

Lernen 0 ist allen Lebewesen möglich. Sie müssen auf ihre Umwelt reagieren. Seit es auf unserem Planeten „creatura― gibt, entwickeln sich Lernprogramme, die die Erfahrungen der Spezies in Genen speichern.
Bateson: Lernen 0 ist durch die spezifische Wirksamkeit der Reaktion charakterisiert, die - zu Recht oder zu Unrecht - keiner Korrektur unterliegt.
Lernen I erfordert Speicherung von Erfahrung. Tiere lernten Erlebnisse zu erinnern, sie speichern „onto-genetische Erfahrungen. In der Gedächtnisforschung spricht man von Habituation schon bei Molusken.
Bateson: Lernen I ist Veränderung in der spezifischen Wirksamkeit der
Reaktion durch Korrektur von Irrtümern der Auswahl innerhalb einer Menge von Alternativen.
Lernen II ist Lernen des Lernens. Bateson nannte dies „Deutero-Lernen―, dabei bilden
sich gewohnheitsmässige Verhaltensformen, die das Zusammenleben von Tiergruppen prägen.
Bateson: Lernen II ist für Änderungen im Prozess des Lernens I, z.B.
eine korrigierende Veränderung in der Menge von Alternativen, unter denen
die Auswahl getroffen wird, oder es ist eine Veränderung in der Art und Weise, wie die Abfolge der Erfahrung interpunktiert wird.
Lernen III ist Lernen des Lernens des Lernens. Es ist die bewusste Einsicht in
die Arbeitsweise des Geistes.
Bateson: “Lernen III ist Veränderung im Prozess des Lernens II, z.B.
eine korrigierende Veränderung im System der Mengen von Alternativen,
unter denen die Auswahl getroffen wird. Was oben zum selbstbestätigenden Charakter der Voraussetzungen gesagt wurde, die durch Lernen II erworben werden,
weist darauf hin, dass Lernen III selbst bei menschlichen Wesen schwierig sein wird.

Wie haben wir Menschen Lernen III gelernt? Wie haben Menschen gelernt Denken zu denken? Ich bin dieser Frage nachgegangen in einem Text zur Evolution der Sprache76:

„Lebewesen hatten im Laufe der langen Geschichte gelernt mit der Umwelt zu kommunizieren (Chemotaxis, Tropholaxis). Soziale Lebewesen lernten auch ihr Verhalten mit den anderen zu koordinieren. Sie brauchten Gesten, Laute, Blicke und Duftabsonderung, um miteinander zu kommunizieren. Diese im Laufe der Ontogenese gelernte Verhaltenskoordination ist der Anfang des menschlichen Kommunikationssystems (Linguolaxis). Seit wir sprechen können, nehmen wir nicht nur wahr, wir nehmen bewusst wahr. Wir können über unsere Wahrnehmung nachdenken, reflektieren.
Wir nehmen wahr, dass wir wahrnehmen. Wir denken, dass wir denken. Wir nehmen bewusst wahr, was für uns wichtig ist. Wir nehmen wahr, was ―relevant‖ ist. Wie wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, wissen wir nicht. Es sind sicher keine ―einfachen‖, linearen Rechenprozesse,
sondern komplexe, nichtlineare Gehirnprozesse, die aus Chaos Ordnung herausfiltern, die aus Chaos Kosmos schaffen. Lebewesen müssen Ordnungen schaffen, um sich in der Welt, die immer wieder überraschend neu ist, zu orientieren. Sie lernten Wiederholtes von Einmaligem zu unterscheiden, das Wiederholte zusammenzufassen und nach dem ―Gleichen‖ zu suchen―.77

Ich versuchte in meiner Geschichte der Sprachentwicklung Batesons Lernreihenfolge umzuformulieren in eine Denkreihenfolge: Denken – Denken des Denkens – Denken des Denkens des Denkens.



76 Urs Boeschenstein Mensch und Sprache: http://www.uboeschenstein.ch/texte/boetexte/boe_sprache.html
77 Urs Boeschenstein Mensch und Sprache: http://www.uboeschenstein.ch/texte/boetexte/boe_sprache1.2.html

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  • Denken 0 erscheint (emergiert) mit der Ersten Unterscheidung der ersten Einzeller.
  • Denken I wird möglich in Mehrzellern, die Nervennetzwerke entwickeln.
  • Denken II wird möglich mit der Entstehung der Wortsprache (Symbolisierung). Auf dieser Stufe entsteht soziale Intelligenz78.
  • Denken III ist die bewusste Einsicht in die Arbeitsweise des Geistes. In dieser Denken III-Welt können wir erst denken, seit wir gelernt haben zu schreiben und beim Nachdenken übers Nachdenken nachdenken.

=> Roger: Bestätigung des Spinoza Effekts, Das Denke ist ohne Das Fühlen unvorstellbar.

Denken hat eine lange Geschichte. Sie beginnt mit den Unterscheidungen der ersten Lebewesen vor 4000 Millionen Jahren. Mit den ersten Mehrzellern emergierte (bei Tieren) Denken I, ein Quantensprung - es wurde möglich, vergangene Erfahrungen mit aktuellen Erfahrungen abzustimmen, Unterscheidungen mit neuen Unterscheidungen zu vergleichen79. Den Sprung ins Denken II schafften unsere Vorfahren vor vielleicht etwa 200.000 Jahren, als sie im „Sprachen― (to language Maturana) landeten. Sie lernten beim Geschichtenerzählen über das Denken zu denken. Erst vor wenigen tausend Jahren wurde Denken III möglich:
das Denken übers Denken übers Denken, die bewusste Einsicht in die Arbeitsweise des
Geistes.

Diese Dimensionen des Denkens kann man eigentlich nicht mehr in einer Linie zählen, wir müssen Dimensionen als Potenzen unterscheiden: Denken – Denken2 – Denken3

Denken kann auch mein Hund. Er kann seine Wahrnehmungserfahrungen bündeln zu Konzepten, sein Gehirn produziert Vorstellungen. Auch wir Menschen leben mit solchen Wahrnehmungserfahrungen. Wir lernen aber als kleine Kinder im Kulturprozess „Sprache― unsere Vorstellungen auch zu benennen. Sprache ermöglichte uns den Sprung in eine neue Denkdimension, wir können reflektieren, nach-denken, Denken2: Wir können wissen, dass wir wissen, wir verdichten Wissen des Wissens in unseren Miteinanderprozessen des sprachlichen Kommunizierens in unseren Geschichten (Mythen). Seit wir gelernt haben, diese Geschichten (Schichtungen = Ebenentrennung, Unterscheiden von Ebenen) aufzuschreiben, gelingt es uns (manchmal) das Denken2 der Sprache zu überspringen. Wir können lernen, über die Reflexionen des „Sprachens― (to language) in fixierten Texten zu reflektieren. Die Kulturevolution erreicht Stufe drei – Denken3 - bei griechischen Philosophen. In Griechenland (aber auch in allen anderen Schriftkulturen) entstanden früheste Reflexionenhoch 3, Denkprozesse, über die aber mit einer zweiwertigen Logik noch nicht nachgedacht werden konnte. Bewusste Einsicht in „die Arbeitsweise des Geistes― erfordert eine Prozesslogik des Werdens - erst sie ermöglicht „Denken3„ in einer Denkwelt, die Zeit (Prozessualität) als „eingeschlossenes― Drittes denken kann.

Dynamisches Denken – ein Denken, das Zeit einbeziehen kann – findet im „unmarked space―, im Raum der Transzendenz, nur noch «Wirbel im Wasser des Meeres» - estelas en el mar (Machado) - es wird rückbezüglich, nicht-linear, chaotisch, paradox.

„Immer, wenn ich etwas über mich sagen will - und ich behaupte: Alles, was ich sage, sage ich über mich aus -, dann bedeutet das: Jedes Sprechen enthält eine fundamentale Paradoxie, mit der man nun umzugehen hat. Und ebendies erlaubt die Arbeit von George Spencer Brown: Die übliche Separation zwischen dem Sehen und dem Gesehenen wird durch seinen Formalismus überbrückt. Die Erkenntnistheorie, über die sich vor diesem Hintergrund nachdenken lässt, ist dynamisch, nicht statisch. Sie handelt vom Werden, nicht vom Sein. Spencer Brown geht eben gerade nicht

78 Robin Dunbar 1992: Why do primates have such big brains? There are two general kinds of theories. The more conventional one is that they need big brains to help them to find their way about the world and solve problems in their daily search for food. The alternative type of theory is that the complex social world in which primates live has provided the impetus for the evolution of large brains. The main version of the social intelligence theory, sometimes known as the Machiavellian intelligence hypothesis, has the merit of identifying the thing that sets primates apart from all other animals—the complexity of their social relationships. http://www.uboeschenstein.ch/sal/dunbar.html 79 Urs Boeschenstein: Die Evolution des Geistes http://www.uboeschenstein.ch/texte/boetexte/boe_mythos_geist.html

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davon aus, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch ist, sondern der von ihm erfundene Formalismus macht eine Dynamik der Zustände sichtbar. In einem flipxflop-Mechanismus erzeugt die Wahrheit einer Aussage die Falschheit; und die Falschheit erzeugt die Wahrheit. Und so weiter. Die Paradoxie generiert, so führt er vor, eine neue Dimension: Sie erzeugt die Zeit“. (Heinz von
Foerster80)

In diesem Prozessdenken taucht unabdingbar die paradoxe Einheit der Differenz auf, „in der das Unterschiedene Dasselbe ist― (Niklas Luhmann81).

„Hinter jeder bestimmenden Bezeichnung steckt immer die für sie unbeobachtbare Einheit ihrer Differenz. Und das heißt: eine Paradoxie. Wenn eines gewiss ist, dann dies: nie kann eine Paradoxie sinnverlustlos in eine Identität umgewandelt werden. Weder in die Identität eines erlösenden Gottes, noch in die Identität eines erlösenden Nichts, noch in die Identität eines Prinzips. Will man eine Paradoxie in anschlussfähige Identitäten auflösen, bedarf es dazu eine Unterscheidung. Für das schwarze Loch der Paradoxie, die keine Information aus sich heraus lässt, müssen unterscheidbare Identitäten substituiert werden, die einschränken, was ihnen anschließend zugemutet werden kann―.
(Niklas Luhmann82)

„Unterscheidbare Identitäten!― – sprechende Menschen konstruieren zum Er-fassen des
„Gleich-bleibenden―, der Identitäten, ihre Wörter, ihre Symbolzeichen. Sie denken mit den
Zeichen ihrer Sprache, sie verstehen eine Sprachzeichen-Welt. Der Prozess des
„Sprachens― eröffnet uns die Welt der „Zeichen und das Zeichenvernetzungsrepertoire― (Peter Fuchs). Um so zu Verstehen, musste der alte Linguist Zeichenlehre – Semiotik – neu studieren. Die Zeichenlehre, die man den Studenten der Linguistik vor fünfzig Jahren vermittelte hatte, wurde revisionsbedürftig. Ich hatte damals gelernt, dass Semiologie im
„Cours de Linguistique générale― von Ferdinand de Saussure ihren Anfang hatte. Ein
Zeichen – so lernte ich damals – besteht aus zwei Elementen: Form und Inhalt (signifiant – signifié). Ich bemerkte aber bald, dass die Zweiteilung von Zeichen in Form und Inhalt nicht genügen kann. Ich überlegte, dass Wörter keinen Inhalt haben, dass im Kommunikations- prozess keine „Bedeutung― übertragen wird, dass das Übertragungsmodell der Kommunikation nicht stimmen kann. In diesem Modell der Kommunikation wird davon ausgegangen, dass von einem Sender zu einem Empfänger Mitteilungen geschickt (transportiert, übertragen, trans-feriert, meta-phorisiert) werden. Informationspakete werden vom Sender eingepackt (encodiert) und vom Empfänger (bei dem ein identischer Code eingebaut ist), dann wieder ausgepackt (decodiert). Der gemeinsame Code ist dann die in allen Gehirnen von Sendern und Empfängern eingeprägte „Sprache―, respektive die Sprachstruktur, das was Saussure als „langue― bezeichnet hatte. In dieser „langue― herrscht Eindeutigkeit , in Menschengehirnen ist eindeutige Bedeutung einprogrammiert. Wir verstehen Sprache, weil wir ein eingebautes Wörterbuch besitzen und mit einem ebenfalls eingebauten Programm, Grammatik (oder Syntax) genannt, die Zusammenhänge zwischen Wörtern bestimmen können. Schon dem Studenten der Sprachwissenschaft wollte nicht einleuchten, dass Sprache nur als „langue―, als Sprachstruktur wissenschaftlich studiert werden könne. Mir schienen damit ganz wichtige Fragen ausgeklammert: Wie brauchen Menschen Sprache? Wozu brauchen Menschen Sprache? Antworten auf diese Fragen können nur im Studium der „parole―, der in Kommunikationsprozessen erscheinenden Sprache gefunden werden. Sprachwissenschaft muss umdenken: nicht die fixierten Strukturen, die uns das „Sprache-Produzieren― ermöglichen, sollten im Zentrum stehen, wir müssen fragen: Wie „verstehen― wir Sprache? Wie entsteht Bedeutung?



80 Heinz von Foerster: http://www.uboeschenstein.ch/texte/poerksen_gewissheit.html
81 Niklas Luhmann GG 1136: http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann_ges1136.html
82 Niklas Luhmann Die Religion der Gesellschaft,S.55:
http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann-religion53.html

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Ich entdeckte, dass wir Sprache als sozialen Prozess verstehen müssen. In Terrence Deacons „The Symbolic Species―83, einem sehr wichtigen Buch, auf das ich beim Nachdenken über die Evolution des „Sprachens― gestossen bin, lernte ich meine Sprachwelt als „miteinander geteilte virtuelle Denkwelt― zu denken:

Hundreds of millions of years of evolution have produced hundreds of thousands of species with brains, and tens of thousands with complex behavioural, perceptual, and learning abilities. Only one of these has ever wondered about its place in the world, because only one evolved the ability to do so…We tell stories about our real experiences and invent stories about imagined ones, and we even make use of these stories to organise our lives. In a real sense, we live our lives in this shared virtual world. The doorway into this virtual world was opened to us alone by the evolution of
language, because language is not merely a mode of communication, it is also the outward expression of an unusual mode of thought - symbolic representation. Without symbolisation the entire virtual world is out of reach…The way that language represents objects, events, and relationships provides a uniquely powerful economy of reference‖

Ich fand da bestätigt, was ich als Schüler schon vermutet hatte, dass Sprache nur als Phänomen des Miteinanderprozesses der Kommunikation ―verstehbar‖ ist. Sprache – oder besser „prozesshaft― beschrieben: Sprechen (to language) - ist ist nicht nur die basale Form der Vergesellschaftung, es ist auch eine ganz aussergewöhnliche Art zu denken – „an unusual mode of thought―. Homo loquens denken mit mit Symbolzeichen. In (oder mittels) der Menschensprache wird anders gedacht, anders ―hingewiesen‖, anders ―referiert: ―the
way that language represents objects, events, and relationships provides a uniquely powerful economy of reference‖. Referenz: Bezugnahme, Verweis, Hinweis – das ist der härteste Brocken, an dem sich Bedeutungsforscher (Semantiker) die Zähne ausbeissen. Worauf beziehen sich Zeichen? Wie „repäsentieren― (vergegenwärtigen) Zeichen? Was be-deutet das Wort ―Zeichen‖? Was ―sind‖ Zeichen? Wer braucht Zeichen?

Beginnen wir am Anfang, am Ur-sprung, bei der „ersten― Unterscheidung: Alle Lebewesen brauchen Zeichen, alle Lebewesen müssen unterscheiden – sich selbst, ein Innen von einem Aussen. Sie haben keinen Zugang zu diesem Außen, sie müssen das Aussen im Inneren
„zeichnen―, sie können auf das Aussen nur hinweisen, auf das Aussen „hin-deuten―, sie
müssen das Aussen deuten, interpretieren (lat.: interpretatio = „Auslegung―, „Übersetzung―,
„Erklärung―). Im Verlauf der 4000 Millionen Jahre dauernden Entwicklung, der Evolution dieser Auslegung, dieses Übersetzens zum Zwecke der Klärung von Beziehung von Innen
und Aussen, entstanden Stufen des Deutens, Stufen des Lernens, Stufen der Referenz. In der Welt des Lebendigen (der creatura - „wo Unterscheidungen getroffen werden und Unterschiede Ursachen sein können― (Bateson84) entsteht Beobachtung, als instantane konditionierte Koproduktion von Unterscheiden und Hinweisen. Eine Zeichenwelt wickelte sich aus (ex-plicare), es entstand eine Semiospäre85, eine Welt der Signifikation – a world of


83 Terrence Deacon The Symbolic Species, 1997, pg21: http://www.uboeschenstein.ch/texte/deacon21.html 84 Gregory Bateson Geist und Natur, S.14: …die tiefer liegende Vorstellung einer Grenzlinie zwischen der Welt des Lebendigen (wo Unterscheidungen getroffen werden und Unterschiede Ursachen sein können) und der Welt unbelebter Billardkugeln und Galaxien (wo Kräfte und Wirkungen die »Ursachen« von Ereignissen sind). Dies sind die beiden Welten, die Jung (im Anschluß an die Gnostiker) creatura (das Lebendige) und pleroma (das Unbelebte) nennt (C. G. Jung, Septem Sermones ad Mortuos (1916)). Ich fragte: Welches ist der Unterschied zwischen der physikalischen Welt der pleroma, wo Kräfte und Wirkungen eine hinreichende Erklärungsgrundlage bilden, und der creatura, wo man nichts verstehen kann, ohne Unterschiede und Unterscheidungen heranzuziehen? In meinem Leben habe ich die Beschreibungen von Stöcken, Steinen und Billardkugeln in eine Kiste, die Pleroma, gesteckt und sie dort liegen gelassen. In die andere Kiste steckte ich die Lebewesen: Krebse, Menschen, Probleme der Schönheit und Probleme des Unterschiedes.
85 Jesper Hoffmeyer Signs of Meaning in the Universe, pg.VII: The semiosphere is a sphere just like the athmosphere and the biosphere. It penetrates to every corner of these other spheres, incorporating all forms of
communication: sounds, smells, movements, colors, shapes, electrical fields, thermal radiation, waves of all
kinds, chemical signals, touching, and so on. In short, signs of life. We tend to overlook the fact that all plants and animals - all organisms, come to that - live, first and foremost, in a world of signification.
http://www.uboeschenstein.ch/sal/awtexte/hoffmeyer_signsVII.html

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„semiotic, representational relationships―. Zeichen sind nicht einfach Zeichen, Etwasse, die für etwas anderes stehen (aliquid stat pro aliquo, Aristoteles); Zeichen sind viel-fach verschieden durch die Weise, wie sie für etwas anderes stehen, die Weise ihrer Referenz. Peirce unterscheidet drei Bezugsformen: Bildzeichen (Ikon) – Hinweiszeichen (Index) und Symbolzeichen (Deacon86). Bildzeichen zu lesen ist eine notwendige Fähigkeit für alle Lebewesen mit Sinnesorganen; sie müssen die Signale, die auf ihre Sinneszellen einwirken, ihre Aussenhaut „irritieren―, umformen in „Bilder―, um in der für sie „unerreichbaren Umwelt― zu navigieren. Ihre Nervensysteme erkennen nicht das Aussen, sie konstuieren im Inneren Ikonzeichen, Vorstellungen dessen, was im Aussen sein könnte. Hinweiszeichen (Index) erfordern eine neue Form der Verarbeitung von Signalen, Vorstellungen (Ikons) können in Bezug gesetzt werden, Ikon verweist auf Ikon – wo Rauch ist, ist auch Feuer. Diese neue Form des Verweises entwickelte sich erst in Lebewesen, deren Gehirne Erfahrungen in neuen Gehirnsstrukturen, dem Gedächtnis speichern können. Bildzeichen können interpretiert werden als Hinweiszeichen, es entsteht eine Welt der Bedeutung, die an konkrete Erfahrung gebunden ist. Mit der Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu interpretieren, entstanden für Reptilien, Vögel und Säugetiere hochkomplexe soziale Interaktionsformen. Was aber noch nicht möglich ist (mit nur diesen zwei Zeichenformen), ist das Mitteilen. Kommunikation entsteht erst, wenn eine dritte Zeichenform denkbar wird – Symbolzeichen, die von der konkreten Erfahrung abstrahieren, Hinweiszeichen mit Hinweiszeichen in Beziehung setzen. Symbolisierung, die Fähigkeit der Generalisierung von Erfahrung ist die Voraussetzung für das Entstehen von Sprache, für das Entstehen von Kommunikation87, einer neuen Ebene des Miteinanderteilens – des Mit-Teilens.Die Wörter unserer Sprache
sind Symbolzeichen, die keine Bedeutung in sich tragen, kein Wort hat für sich allein
Bedeutung, kein Wort ist eine Einheit. „Dans la langue il n‘y a que des différances‖
(Saussure) – in der Sprachstruktur (dem Zeichenrepertoire) beziehen sich Zeichen nicht auf Etwas (Objekte), sondern immer auf andere Zeichen. Unsere Sprache verbindet alle Zeichenformen – alle drei Ebenen von Zeichenreferenz in der „Einheit― des Kommunikationsprozesses. Die Bedeutung von Wörtern entsteht – immer neu – im Prozess des Verstehens, der Semiose, dem Prozess der Zeicheninterpretation.

In der Denkwelt der Bedeutungslehre (Semantik), der ich vor fünfzig Jahren begegnet war, erklärte man Zeichen als Abbilder der Welt. Die Welt besteht aus Gegenständen, Sachverhalten, Ereignissen, die durch Zeichen „repräsentiert― werden.




86 Terrence Deacon, pg 71: Although it is natural to imagine words as labels for objects, or mental images, or concepts, we can now see that such correspondences alone collapses a multileveled relationship into a single mapping relationship. It fails to distinguish between the rote understanding of words that my dog possesses and the semantic understanding of that in normal human speaker exhibits. We also saw that the correspondence of words to reference is not enough to explain word meaning because the actual frequency of correlations between items on the two planes is extremely low. Instead, what I hope to show is that the relationship is the reverse of what we commonly imagined.The correspondence between words and objects is a secondary relationship, subordinate to a web of associative relationships of a quite different sort, which even allows us reference to impossible things. Probably the most successful classification of representational relationships was provided by the American philosopher Charles Sanders Peirce. As part of a larger scheme of semiotic relationships, he distinguished three categories of referential associations: icon, index, and symbol http://www.uboeschenstein.ch/texte/deacon69.html 87 Terrence Deacon The Symbolic Species, pg. 82: This referential relationship between the words - words systematically indicating other words – forms a system of higher-order relationships that allows words to be about indexical relationships, and not just indices in themselves. But this is also why words need to be in context with other words, in phrases and sentences, in order to have any determinate reference. Their indexical power is distributed, so to speak, in the relationships between words. Symbolic reference derives from combinatorial possibilities and impossibilities, and we therefore depend on combinations both to discover it (during learning) and to make use of it (during communication). http://www.uboeschenstein.ch/texte/deacon69.html

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Im „semiotischen Dreieck88, das als Modell für semantische Beziehungen galt. bezieht sich das Zeichen auf ein Ding, bildet ein Etwas ab und „erweckt― im Geist ein Bild des Dings. Zeichen sind zweiseitig eindeutig fixiert, eine untrennbar gedachte Einheit der Beziehung des Zeichenkörpers zu seiner Bedeutung.



Diese Semanik ist statisch, sie geht von nicht hinterfragbaren Grundunterscheidungen aus: Geist/Körper, Objekt/Subjekt, Gegenstand/Vorstellung, Realität/Abbildung usw. Zeichen bestehen aus zwei Elementen89, dem Bezeichnenden (signifiant) und dem Bezeichneten (signifié). Veränderung kann in diesem Modell nicht behandelt werden. Ich brauchte viele Jahre, bis es mir gelang ,mich aus dieser zeitlosen Denkwelt zu befreien. Ich hatte – wie die meisten Linguisten - Sprache immer als ein „Etwas― beobachtet, das von aussen objektiv beschrieben werden kann. Zwar wurde schon bei Wilhelm von Humboldt90 Sprache als energeia91 verstanden, also als wirkende Kraft, nicht bloss als statische Struktur. Linguisten hätten daraus den Schluss ziehen können, dass Sprache ein Prozess ist, dass wir Sprache nicht mehr als Ding beschreiben können, dass Sprachwissenschaft unabdingbar eine Logik erfordert, die mit der Dynamik von Prozessen umgehen kann. Es muss da ein Drittes geben, das nicht ausgeschlossen werden kann - „Zeit― ist das immer gegebene Dritte (Tertium semper datur).

Bedeutung entsteht in einem (zeitbrauchenden) Interpretationsprozess. Diesem Gedanken begegnete ich im Werk von Ludwig Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache―. (PU, § 43)92 „Gebrauch― - das deutet auf die Prozesshaftigkeit der Sprache. Es deutet auch auf die Prozesse des Denkens überhaupt. Ich musste umdenken,


88 Semiotisches Dreieck: http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotisches_Dreieck. 89 Terrence Deacon The Symbolic Species, pg.69: The assumption that a one-to-one mapping of words onto objects and vice versa is the basis for meaning and reference was made explicit in the work of the turn-of-the- century French linguist Ferdinand de Saussure. In his widely influential work on semiology (his term for the study of language), he argued that word meaning can be modelled by an element-by-element mapping between two planes of objects: from elements constituting the plane of signifiers (words) to elements on the plane of the signified (ideas, objects, events, etc., that word is refer to). http://www.uboeschenstein.ch/texte/deacon69.html
90 Wilhelm von Humboldt (1767-1835), der Sprache nicht nur als "Ergon" (Werkzeug), sondern auch als
"Energeia" (eigenständige geistige Realität) gesehen hat. http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachlicher_Idealismus
91 Im philosophischen Sprachgebrauch sind die Begriffe Akt (lat. actus, gr. ἐνέργεια, energeia; weitgehend synonym ist entelecheia) und Potenz (lat. potentia, gr. δύναμις, dynamis) Gegenbegriffe. „Potenz― bezeichnet die noch nicht realisierte Möglichkeit, zu der aber ein Vermögen bzw. eine Fähigkeit oder Disposition besteht. „Akt― bezeichnet dagegen die Realisierung oder Verwirklichung dieser Möglichkeit. Ebenfalls in Rückgriff auf Aristoteles hat Wilhelm von Humboldt Sprache als energeia verstanden, also als wirkende Kraft statt als statisches System. http://de.wikipedia.org/wiki/Akt_und_Potenz 92 Ludwig Wittgenstein: Philosophischen Untersuchungen. Die Gebrauchstheorie der Bedeutung: Wittgenstein richtet sich gegen die so genannte "realistische" Theorie der Bedeutung, nach der gilt. "Jedes Wort hat eine Bedeutung. [...] Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht." (PU 1). Für Wittgenstein ist dagegen die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (PU
43). Wikipedia

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musste Semiotik neu studieren und versuchen, die Gedanken von Ch.S. Peirce zu verstehen: "Alles Denken ist Denken in Zeichen― – und „alles Denken ist ein Prozess (der Interpretation)―:

„Alles Denken muss ein Denken in Zeichen sein…Aus der These, dass jeder Gedanke ein Zeichen ist, folgt, dass jeder Gedanke sich an einem anderen wenden muss, denn das ist das Wesen eines Zeichens…Dass das Denken nicht in einem Zeitpunkt zu Stande kommen kann, sondern eine Zeit verlangt, heißt daher nur, dass jeder Gedanke durch einen anderen interpretiert werden muss oder dass alles Denken in Zeichen geschieht― Ch.S.Peirce

„Das Denken „verlangt eine Zeit― - Peirce schreibt dem Denken die Zeitdimension ein.<span style="color: #ff0000" /> Denken ist ein Zeichenprozess, es ist ein Prozess des „Interpretierens―. Zeichen – so lässt sich folgern - haben nicht nur zwei unterscheidbare „Elemente― – Bezeichnendes und Bezeichnetes (signifiant/signifié), sie müssen den Verstehensprozess mit einem dritten
„Element― einbeziehen. Peirce nennt diesen Zeichenaspekt „Interpretant―.

A Sign, or Representamen, is a First which stands in such a genuine triadic relation to a Second, called its Object, as to be capable of determining a Third, called its Interpretant, to assume the same triadic relation to its Object in which it stands itself to the same Object.The triadic relation is genuine, that is its three members are bound together by it in a way that does not consist in any complexus of dyadic relations. (Ch. S.Peirce)

Repräsentamen (signifiant) und Objekt (sigifié) und Interpretant bilden „a genuine triadic relation― in einem Zeichenprozess. „Bei Semiotik (geht es) vor allem um semiotische Prozesse, also um Semiose93, nicht nur um die Darstellung des Zeichens― (Nina Ort94).

"Ein Zeichen oder Repräsentamen ist alles, was in einer solchen Beziehung zu einem Zweiten steht, das sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird, dahingehend zu bestimmen, in derselben triadischen Relation zu jener Relation auf das Objekt zu stehen, in der es selber steht. Dies bedeutet, dass der Interpretant selbst ein Zeichen ist, das ein
Zeichen desselben Objekts bestimmt und so fort ohne Ende." (Ch. S. Peirce95)

Peirce definiert das Zeichen als eine triadische Beziehung zwischen einem Repräsentamen, einem Interpretanten und einem Objekt (einem Bezeichneten, signifié). Ein Repräsentamen ist ein Zeichenträger (z.B. ein Bild, ein Wort), ein Zeichen im engeren Sinn, "das für jemanden in irgendeiner Hinsicht oder durch irgendeine Eigenschaft für etwas steht." Ein Interpretant ist ein Gedanke, den der Zeichenträger bei einem Interpreten hervorruft und ist selbst wieder ein Zeichen.

„…dass Gedanken (thoughts) und Denkenereignisse (thinkings) ebenfalls Zeichen sind. Dass Gedanken sich auf Objekte beziehen ist offensichtlich. Doch reicht dies nicht aus, um zu beweisen, dass alle Gedanken und Denkenereignisse Zeichen sind. Denn ein Zeichen ist nicht nur etwas, was durch ein Objekt bestimmt ist, sondern es ist auch etwas, durch das ein Interpretant zu einer Bezugnahme auf dasselbe Objekt bestimmt wird. Nun ist es unmittelbar einleuchtend, dass ein Gedanke und ein Denkenereignisse nicht nur, um Denken zu verkörpern, sondern bereits in seiner wesentlichen Beschaffenheit als Denken, notwendigerweise an einen Interpretanten appelliert―. (Ch.S.Peirce)


93 Semiose bezeichnet den Prozess der Wirkungsentfaltung eines Zeichens. Bei Peirce ist die Semiose Gegenstand von Ontologie und Phänomenologie, die auf drei universelle Kategorien aufbaut: der Erstheit, Zweitheit und Drittheit.In der Erstheit ist eine Seinsweise, in der alles ohne Bezug zu einander "so ist, wie es ist" (Peirce). Die unvermittelte Möglichkeit, bloße Gefühle und Spontaneität gehören beispielsweise in diese
Kategorie von Möglichkeiten. In der Zweitheit bilden sich Relationen zwischen Fakten und deren Gegenüber. Die
Semiose ist die Kategorie der Drittheit, zu der unter anderem die Zeichen, Gesetzmäßigkeiten, Gewohnheiten
und die Phänomene der Notwendigkeiten gehören. http://de.wikipedia.org/wiki/Semiose
94 Nina Ort: In der Peirceforschung herrscht Konsens darüber, dass es bei Semiotik vor allem um semiotische
Prozesse, also um Semiose geht, nicht nur um die Darstellung des Zeichens.
http://www.uboeschenstein.ch/texte/ort-semiotik187.html
95 Charles S. Peirce: Phänomen und Logik der Zeichen, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1993, S. 64

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Der Zeichenaspekt „Interpretant― ist eine Metapher-Maschine, es werden Bezugnahmen (Referenzen) in Bezug gesetzt, ―an interpretant is what ever enables one to infer the reference from some sign or signs and their context‖96. Für die Darstellung der Semiose wird wichtig, was Peirce Denk-Kategorien97 nennt. Sie sind die Grundlage der prozessorientierten Erkenntnistheorie:

„Nach Meinung des Verfassers (Ch.S.Peirce) gibt es drei universale Kategorien. Da alle drei stets gegenwärtig sind, ist es unmöglich, eine reine Idee von irgendeiner von ihnen zu haben, die absolut von den anderen unterschieden ist. Ja, selbst so etwas wie ihre ausreichend klare Unterscheidung, kann nur das Ergebnis langen und angestrengten Forschens sein. Sie können als Erstheit, Zweitheit und Drittheit bezeichnet werden. Erstheit ist das, was so ist, wie es eindeutig und ohne Beziehung auf irgendetwas anderes ist. Zweitheit ist das, was so ist, wie es ist, weil eine zweite Entität so ist, wie sie ist, ohne Beziehung auf etwas Drittes. Drittheit ist das, dessen Sein darin besteht, dass es eine Zweitheit hervorbringt.―. (Ch.S.Peirce Phänomen und Logik der Zeichen, Suhrkamp 1983, S. 55)

Erstheit kennzeichnet das bloße Sosein eines Dinges vor jeder möglichen Differenzierung oder Analyse, das Sein von etwas ohne Bezug auf etwas anderes. Es ist das Sein als reine Möglichkeit. Erstheit ist bezogen auf das „Zeichen―, das bei Peirce Representamen heisst. Zweitheit ist die wechselseitige Wirkung zweier Dinge aufeinander, die Bestimmung der Aktualität. Das Objekt des Zeichenprozesses fällt unter die Kategorie der Zweitheit hinsichtlich der Beziehungen in der es zum Zeichen (Repräsentamen) steht. Drittheit besteht nach Peirce darin, „dass eine Entität zwei andere Entitäten in eine Zweitheit zueinander bringt―. Drittheit ist das Prinzip, die Erkenntnis-Kategorie, die hinter den Dingen steht, die Notwendigkeit der Vermittlung. Wie sich Erstheit, Zweitheit, Drittheit, prozessartig aufeinander beziehen, muss durch Observation verifiziert werden.


96 Terrence Deacon The Symbolic Species, pg. 63: Ultimately, reference is not intrinsic to a word, sound, gesture, or hieroglyph; it is created by the nature of some response to it. Reference derives from the process of generating some cognitive action, an interpretive response; and differences in interpretive responses not only can determine different references for the same sign, but can determine reference in different ways. We can refer to such interpretive responses as interpretants (Peirce). In cognitive terms, an interpretant is what ever enables one to infer the reference from some sign or signs and their context. Peirce recognised that the interpretants can not only be of different degrees of complexity but they can also be of categorically different kinds as well; moreover, he did not confine his definition only to what goes on in the head. Whatever process determines reference qualifies as an interpretant. The problem is to explain how differences in interpretants produce different kinds of reference, and especially what distinguishes the interpretants required for language. http://www.uboeschenstein.ch/texte/deacon21.html 97 Für Charles S. Peirce war die Frage der Kategorien ein wesentlicher Ausgangspunkt seiner Philosophie. Peirce entwickelte eine Kategorienlehre, die sich nicht wie bei Kant mit den Arten der Erkenntnis, sondern mit Erscheinungsweisen des Seins befasst und die Grundlage seiner Zeichenlehre bildet. Die Kategorien von Peirce können nicht mit Logik beschrieben, sondern nur phänomenologisch untersucht werden. Sie sind in jedem Phänomen enthalten und daher universal. Begrifflich unterschied Peirce rein formal Erstheit, Zweitheit und Drittheit als Formen, in denen alles, was ist, sich widerspiegelt:
„Erstheit ist die Weise, auf die etwas für sich selbst existieren würde, ohne Beziehung auf etwas anderes, so
dass es keinen Unterschied machen würde, wenn nichts anderes existierte oder jemals existiert hätte oder existieren könnte.― (Das Denken und die Logik des Universums, 200) Erstheit ist das Sein von etwas ohne Bezug auf etwas anderes. Es ist das Sein an sich, das als reine Möglichkeit besteht (z. B. Röte als Möglichkeit);
„Eine Zweitheit kann man als eine Veränderung des Seins eines Gegenstandes definieren, die ipso facto eine
Seinsweise eines vom ersten deutlich unterschiedenen Gegenstandes ist. Oder genauer gesagt ist Zweitheit dasjenige in jedem von zwei absolut getrennten und voneinander entfernten Gegenständen, das einen jeden von ihnen dem anderen zuordnet, nicht für meinen Geist oder für oder durch irgendeinen anderen vermittelten Gegenstand oder vermittelten Umstand welcher Art auch immer, sondern in diesen beiden Gegenständen allein, so dass es sich genauso verhalten würde, wenn nichts anderes existierte oder jemals existiert hätte oder existieren könnte.―(Das Denken und die Logik des Universums, 201) Zweitheit ist die Bestimmung des hier und jetzt von etwas Seiendem (der Gegensatz zweier noch unreflektierter Gefühle);
„Die Idee der Drittheit ist die Veränderung des Seins eines Gegenstandes, welcher eine Erscheinungsweise
eines zweiten ist, insofern er die Veränderungen eines Dritten ist. Man könnte sie einen inhärenten Grund nennen.―(Das Denken und die Logik des Universums, 202) Drittheit ist das Prinzip, das hinter den Dingen steht, die mit der Erscheinung verbundene Gesetzmäßigkeit (z. B. dass eine Tür zu öffnen ist, dass ein Tisch eine Ablagefläche hat, der Algorithmus des Computerprogramms). http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie_(Philosophie)

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Firstly comes »firstnesses«, or positive internal characters of the subject in itself; secondly comes
»secondnesses«, or brute actions of one subject or substance on another, regardless of law or of any third subject; thirdly comes »thirdnesses«, or the mental or quasimental influence of one subject on another relatively to a third. Since the demonstration of this proposition is too stiff for the infantile
logic of our time (which is rapidly awakening, however), I have preferred to state it problematically,
as a surmise to be verified by observation‖ Ch.S.Peirce

Peirce erwähnt, in diesem Zitat “the infantile logic of our time“, er erkannte, dass diese Logik einer Erweiterung bedarf und meinte, die Logiker seien am Aufwachen. Er selbst glaubt aber immer noch an die sichere, feste Realität des Aussen, in der unser Denken „verifizieren― kann.

I essay an analysis of what appears in the world. It is not metaphysics that we are dealing with: only logic. Therefore, we do not ask what really is, but only what appears to everyone of us in every minute of our lives. I analyze experience, which is the cognitive resultant of our past lives, and find in it three elements. I call them Categories. Peirce, CP 2.84

„To analyse experience― - so spricht der Pragmatiker Peirce. Er beobachtet „only what appears to everyone of us in every minute of our lives―, nicht Metaphysik (τὰ μετὰ τὰ φυσικά – ta meta ta physika). Peirce denkt als Logiker, dahinter ist kein „anschauen―, kein
„beobachten―, auch kein „erfahren― (experience) möglich, dahinter gibt es nur die Denkregeln
der Logik. Sein Denken bleibt aber einer Logik verhaftet, die Innen (Subjekt) und Aussen
(Objekt) unterscheidet, eine Entweder/Oder-Logik, die im Denkraum der Leit-Unterscheidung
Sein/Nichtsein gewachsen ist. Er erkennt zwar, „dass das Denken nicht in einem Zeitpunkt zu Stande kommen kann, sondern eine Zeit verlangt“, kann aber Prozessualität in seiner
Logik des ausgeschlossenen Dritten nicht beschreiben. Wie muss eine Logik konstituiert
sein, die das „tertium semper datur― einschließen kann? Wie kommen wir über die Logik
unserer Alltagssprache hinaus?

Das Dritte ist die Zeit
Das Dritte ist das Tertium semper datur

Zweite Denkpause! – mit Zwischenbemerkung: Um über die zweiwertige Logik unserer Sprache hinauszukommen muss ich die Denkwelt der „Selbstreferenz―, die Luhmannsche Systemtheorie reflektieren.

„Wenn wir über unser Denken nachdenken, geraten wir unweigerlich in eine Schlaufe. Das Subjekt wird zum Objekt . Das, was unser Gedanke beschreiben und verstehen soll, ist er selbst. Das, worauf wir unser Denken richten, ist der Verlauf unseres Denkens selbst – die Schlange beisst sich in den Schwanz. Nach meiner Erfahrung ist dies ein Moment mit zwei sehr unterschiedlichen Gefühlen. Zum einen entsteht Verwirrung, weil irgendwie die Logik des Denkens gebrochen erscheint. Dem steht das Gefühl von etwas Bedeutsamem gegebenüber, das Gefühl, sich dem Punkt zu nähern, an dem man endlich versteht. Denn wir sind überzeugt, dass wir – je näher wir zur Ursache unserer Verwirrungen gelangen – umso besser auch deren Grundlage verstehen und anpacken können. Beiden Gefühlen nähern wir uns bei der zirkulären Selbstreferenzialität des Denkens auf eine intensive Weise. Das ist
ein paradoxes und auch etwas beunruhigendes Erlebnis‖ (Hans Rudolf Straub 98)



98 Hans Rudolf Straub: „Selbstreferenzialität, semiotisches Dreieck und interpretierende Systeme―

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3.5 System-Umwelt-Differenz-Theorie
Die Ebenen der Luhmannschen Begriffssprache

Auf meinem Denkweg, den ich seit meinem Sitzenbleiben am Ende der Welt, in Finisterrre, erlebt habe, bin ich bei Gregory Bateson auf die Unterscheidung von drei Denkebenen gestoßen - es gibtdrei Dimensionen der Reflexion - ; in der Zeichentheorie von Peirce fand ich „genuine triads― und den Begriff „thirdness―, - unsere Denkprozesse funktionieren nicht zweifältig sondern dreifältig. Beim Nachdenken unterwegs habe ich im Verlauf von vielen Jahren langsam gelernt, vom Zwei-feln ins Drei-feln zu springen. Von einem Sprung bin ich am Anfang dieses Kapitels ausgegangen – zitierte Peter Fuchs99 : „seinen Verstand aufs Spiel setzen durch Reflexion über die Positivität absoluter Negativität, auf die Existenz von Negativitäten, oder - springen. Draw a distinction! ist dann die moderne Formulierung der Anweisung für die Operation des Sprunges im Rahmen einer formbildenden Logik―. Beim Springen war ich auf der Grenze, dem „Schied― der Unterscheidung gelandet, und fragte - beim Grenzsitzen (Hagsitzen) in der Welt der Hochabstraktion - ob es eine dritte Ebene der Beobachtung, eine Beobachtung dritter Ordnung gebe. Wäre es möglich – als Beobachter 3. Ordnung – zu lernen den „Nicht-Ort―, der „Stätte, wo es weder Erde noch Wasser noch
Feuer noch Luft gibt“ (Udana100) beobachtend zu beschreiben?

Ich möchte versuchen auf meinen „Hochsitz― auf der Grenze zurückzukehren und von dort
aus die Begrifflichkeit der Systemtheorie, die Denkwelt der Selbstreferenz, der Paradoxie
und deren Entfaltung, noch einmal zu überdenken, oder besser: zu fragen, welchen Verstand
ich beim „Sprung im Rahmen einer formbildenden Logik―, beim systemtheoretischen
Nachdenken, auf der Suche nach dem Dritten, aufs Spiel setze. Welche Denkregeln werden beim Beobachten des Beobachtens des Beobachtens ausgehebelt? -

Der Umgang mit Selbstreferenz kostet den Alltagsverstand, es kostet das ganze herkömmliche Weltbild der ontologischen Weltbeschreibung101, es kostet die Gewissheit der Entweder-oder-Logik, die nur zwei Werte kennt: wahr- falsch, es kostet die Sicherheit meiner Beobachtung 1. Ordnung, die Sicherheit meiner Sprache, mit der ich Innen und Aussen, Subjekt und Objekt, Geist und Körper, reale Realität und imaginäre Realität zu unterscheiden gelernt habe. Unser durch Sprache geprägter Alltagsverstand unterstellt die Möglichkeit
einer einzig-richtigen Beschreibungen, einer absoluten, eindeutigen, ewig gültigen Wahrheit. Mit diesem Verstand erkennt das Subjekt innen eine objektive Welt aussen. In diesem Denkmodus hält uns auch unsere Sprache gefangen und beschränkt Denkmöglichkeiten102.


99 Peter Fuchs: „Reden und Schweigen―, S.46 http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchsschweigen46.html 100 Udana VIII: Es gibt, ihr Mönche, eine Stätte, wo es weder Erde noch Wasser noch Feuer noch Luft gibt. http://www.uboeschenstein.ch/texte/buddha/udana.html 101 Niklas Luhmann Gesellschaft der Gesellschaft, S.928: Das Resultat einer logisch-zweiwertigen Weltbeschreibung erscheint als Ontologie und in den Begründungsbemühungen als ontologische Metaphysik. Danach hat das Sein nur die Möglichkeit, zu sein oder nicht zu sein; und das Denken nur die Möglichkeit, dass Sein beziehungsweise das Nichtsein zutreffend beziehungsweise unzutreffend zu bezeichnen. Das Denken muss als „Repräsentation― und Kunst muss als „Imitiation― des Seins begriffen werden, denn anderenfalls müsste es als Fehlleistung aufgefasst werden. Eine Mehrzahl von Beobachtern wird folglich angewiesen, im Beobachten übereinzustimmen. Sie beobachten gemeinsam das Sein, sei es zutreffend, sei es unzutreffend. Und da es nur eine zutreffende Repräsentation des einzigen Denken geben kann, gibt es Autorität. Wer es richtig sieht, dann die anderen belehren. http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann_ges923.html 102 Niklas Luhmann Gesellschaft der Gesellschaft, S.927: Einschneidende Beschränkungen sind durch die Zweiwertigkeit selbst auferlegt. Die zweiwertige Logik hat nur einen Wert, den positiven Wert, wie die Bezeichnung des Seins zur Verfügung, und einen zweiten Wert für die Selbstkorrektur des Beobachters, für die Kontrolle von Irrtümern. Legt man zusätzlich die Unterscheidung von Denken und Sein zu Grunde, kann man das Sein als eine Form betrachten, deren andere Seite das Nichtsein ist. Man kann dann Sein und Nichtsein als Beobachter richtig beziehungsweise unrichtig bezeichnen. Damit sind die Möglichkeiten einer zweiwertigen Logik erschöpft. http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann_ges923.html

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Das Weltbild der zweiwertigen Weltbeschreibung, deren Leitunterscheidung Sein/Nichtsein das Denken und das Nachdenken seit den griechischen Philosophen geprägt hat, erzwingt die Unterscheidung von Denken und Sein, von Wahrheit und Meinung, von Realität und Vorstellung, und erlaubt kein Dazwischen – Tertium non datur. Das Denken bleibt gefangen in der Eindeutigkeit des Entweder-oder.

Erst die Systemtheorie, mit ihrer Leitunterscheidung System/Umwelt, kann strenger gefasste Begriffe erarbeiten. Grundbegriff ist die Operation des Beobachtens – Unterscheiden und Bezeichnen einer Seite. Bei dieser Operation entsteht eine Dreiheit, die bezeichnete Seite – die Grenze dazwischen – und die nicht bezeichnete Seite. Strenger gefasste Begriffe: Beobachten, Operation - das heisst Denken in Prozessen, denken in Zeit. In meiner Sprache kann ich Prozesse nur als „Etwasse― beschreiben, alle unsere Hauptwörter verweisen auf
tote Dinge, die sind, wie sie sind. Das mag für Steine und andere „Sachen― noch angehen, um über Prozesse des Lebens nachzudenken reicht unsere Sprache nicht, Prozesse entziehen sich unseren Möglichkeiten der sprachlichen Beschreibung. <span style="color: #ff0000" />


Beobachtungstheorie: Beobachten – Beobachtung – Beobachter - Beobachtungsbeobachtungskultur

Eine Beobachtungsheorie führt über die beschränkten Denkmöglichkeiten der Sein/Nichtsein-Leitunterscheidung hinaus, indem sie das Beobachten als Operation eines Beobachters beobachtet, d.h. beginnt das Beobachten des Beobachtens zu beobachten.

Wenn in dieser Weise Beobachten als Operation beobachtet wird, so bedeutet dies zum Einen, dass jede Beobachtung, egal welcher Ordnung, in der Reflexion operativen Charakter erhält. Beobachtungen zweiter und höherer Ordnung nehmen damit keinen erhabenen epistemologischen Standpunkt ein, sondern reihen sich als gleichwertiger Teil in einer Verkettung von Operationen ein. Der Beobachter zweiter Ordnung weiß es nicht in einem epistemologischen Sinn besser als der Beobachtete, sondern er sieht weniger und anderes – denn er tauscht die vermeintliche ontologische Gewissheit der Beobachtung erster Ordnung ein und gewinnt dadurch erheblich an Komplexität, dass die Unterscheidungen, die auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung lediglich operativ verwendet werden, als Einheiten von Differenzen beobachtet werden: der Beobachter zweiter
Ordnung sieht beide Seiten einer Unterscheidung (mit der der Beobachter erster Ordnung operiert)
gleichzeitig. (Benjamin Jörissen103)

Dieses gleichzeitige Sehen beider Seiten der Unterscheidung, das Nachdenken über die
„coincidentia oppositorum―, gelang mir erst als Grenzsitzer - als Hexer auf der Grenze - als ich langsam bei meiner Systemtheorielektüre lerntem beobachtungstheoretisch zu beobachten. Ich musste dabei nicht nur lernen (anders) zu denken - in Prozessen104, ich musste auch lernen (anders) zu lesen – zwischen den Zeilen, modern ausgedrückt: hypertextisch, dabei habe ich auch das Springen geübt – beim „Assoziieren―. Die Texte der Systemtheorie sind extrem „trocken―, für Ungeübte schwierig zu verstehen; es sind Texte, die ich manchmal (ehrlich gesagt meistens!) mehrmals lesen muss, bis ich „drauskomme―105
-

103 Benjamin Jörissen Beobachtungen der Realität, S.127: Das Charakteristische des beobachtungs- theoretischen Ansatzes liegt darin, das Begründungsparadoxon der nicht einholbaren ersten Unterscheidung produktiv zu verwenden, indem diese so festgelegt wird, dass die erste Unterscheidung nicht als Wesensunterschied hypostasiert, sondern in eine zeitliche Abfolge aufgelöst wird. Diese Dynamisierung verläuft über die Thematisierung von Beobachtung selbst. http://www.uboeschenstein.ch/texte/joerissen- Beobachtungen.html 104 Es gelang mir erst nach langem Üben umzustellen von Was- auf Wie-Fragen. Jörissen: Beobachtung wird als Operation beobachtet. Nun kann unterschieden werden, wie diese Operation stattfand. Der Fokus verschiebt sich vom Was des Beobachtens (Alltagserfahrung) zum Wie seines Vollzugs. 105 „druuschoo― – schweizerdeutsch für „verstehen―, eines meiner liebsten Wörter.

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und in Assoziations-Sprüngen meine aktuellen Reflexionen mit „erinnertem― Denkmaterial (das kein „Material― ist) verbinden kann. Ich möchte den Lernprozess des hypertextischen und assoziierenden Lesens an einem „sehr schwierigen― FuchsText aufzeigen. In Peter Fuchs „Die Erreichbarkeit der Gesellschaft― 106 fand ich das Stichwort „Referenzprobleme―. Das interessierte mich, dem Problem des Bezuges war der Linguist schon beim Studium der Zeichenlehre (Semiotik) und der Bedeutungslehre (Semantik) begegnet, die oben genannten Probleme des „semantischen Dreiecks―. Ich meinte, da könne ich leicht „anschliessen―:

Referenzprobleme
246 …Man gibt jedoch wichtige Sichtmöglichkeiten auf, wenn man den Fehler wiederholt und die Leistung der Referenz ontosemantisch zu bestimmen sucht, also sich darauf konzentriert, was Referenz ist, wenn sie nicht ist, was Alteuropa glaubte, was sie sei. Stattdessen liegt nahe (und ist es im Rahmen differenztheoretischer Analysen selbstverständlich), dass ein Begriff wie Referenz differenziell gebaut ist, seine Schärfe (deswegen Begriff!) gewinnt daran, dass er eine Unterscheidung aktualisiert, deren beide Seiten bestimmt (also Begriffe) sind. Der Begriff Referenz bezeichnet die Einheit der Unterscheidung von Fremdreferenz und Selbstreferenz. Wo immer referiert wird, sind Unterscheidungen impliziert mithin Innen- und Außenseiten, mithin Formen, mithin die Möglichkeit,
das Innen oder das Aussen der Unterscheidung zu referieren.
247 Dies vorausgesetzt, lässt sich das Referenzproblem auf folgende Weise dekomponieren: Referenz ( = das Bezeichnete) ist das, was jede Beobachtung leistet. Sie ist, was fixiert wird (wie immer schnell und vorläufig), das Fixativ, das auf der Basis einer Unterscheidung konstruierte Objekt. Die Operation dagegen fixiert nichts (ist objektloser Vollzug). Diese müsste an zwei Zeitstellen zur gleichen Zeit auftreten können, um sich selbst als Objekt nehmen, um sich selbst bezeichnen zu
können, aber eben dann fiele sie auseinander in das, was sie ist (Original), und das, was sie nicht ist
(Beobachtung). Der Unterschied von Operation und Beobachtung erscheint dann, wenn beobachtet wird, als Ansatzpunkt für die Unterscheidung von Fremdreferenz und Selbstreferenz. Selbstreferentiell wird agiert (von was oder wem auch immer), wenn bezeichnet wird, was die Operationsbeobachtung vollzieht. Selbstreferenz ist die Bezeichnung für diese spezielle Bezeichnungsleistung. Fremdreferenz referiert das, was dadurch ausgegrenzt wird. Sie referiert die Außenseite der Innenseite (auf der Innenseite).

Das musste ich mehrmals lesen und dabei - zum „Drauskommen― – „markieren―, was mir
wichtig scheint:

… dass ein Begriff wie Referenz differenziell gebaut ist, seine Schärfe (deswegen Begriff!) gewinnt daran, dass er eine Unterscheidung aktualisiert, deren beide Seiten bestimmt (also Begriffe) sind.
… Der Begriff Referenz bezeichnet die Einheit der Unterscheidung von Fremdreferenz
und Selbstreferenz.
… Referenz ( = das Bezeichnete) ist das, was jede Beobachtung leistet.
… Selbstreferentiell wird agiert (von was oder wem auch immer), wenn bezeichnet wird, was die Operationsbeobachtung vollzieht. Selbstreferenz ist die Bezeichnung für diese spezielle Bezeichnungsleistung.
Fremdreferenz referiert das, was dadurch ausgegrenzt wird. Sie referiert die Außenseite der Innenseite (auf der Innenseite).

Beim Markieren lerne ich dazu, reflektiere den Kontext der Begriffe, erinnere mich an „Lese-
Erfahrungen―: Niklas Luhmann Die Religion der Gesellschaft, S.25:

„Gerade wenn es sich um ein operativ geschlossenes System handelt, das mit keiner eigenen Operation in die Umwelt ausgreifen oder sie auch nur kontaktieren kann, gerade dann hängt das Überleben (= Fortsetzung der Autopoiesis) ganz und gar von der intern disponiblen Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz ab, die Lernprozesse steuert…Alle höheren Formen des Bewußtseins und alle soziale Kommunikation bleiben darauf angewiesen. Keine Gesellschaft wäre


106 Peter Fuchs Die Erreichbarkeit der Gesellschaft, S. 246 http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchs-erreichbarkeit244.html

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auch nur in Gang gekommen, wenn man nicht gelernt hätte, zwischen Worten (Selbstreferenz) und
Dingen (Fremdreferenz) zu unterscheiden. (Niklas Luhmann107)

Der Kontext meiner Leseübungen – das muss ich mir immer wieder in Erinnerung bringen - ist die „System-Umwelt-Differenz-Theorie― - die Supertheorie, die von der alten Leitunterscheidung Sein/Nichtsein umgestellt hat auf die basale Differenz von System und Umwelt. Ich bewege mich in einer neuen Verstehenswelt, einer neuen, de-ontologisierten Semantik - das immer mitzudenken, fällt meinem „alten― Gehirn manchmal schwer. Weiter bei Peter Fuchs – unter Berücksichtigung meiner „Denkschwäche―:

248 Von diesen Überlegungen her kann das, was die Bezeichnung bezeichnet, nicht mehr den Realitätsindex allein tragen. Realität ist nicht schon involviert dadurch, dass etwas als etwas bezeichnet wird und niemand dieser Bezeichnung widerspricht (etwa im Sinne: das ist kein Apfel, sondern eine Birne). Sie wird vielmehr begreifbar als Effekt der mit der Bezeichnung aktualisierten Unterscheidung, als virtuelle Sichtrealität, als gemalte Fensterscheibe, die durch einen Beobachter einer Beobachtung erst in ihrer Artifizialität erfasst werden kann, auf der Seite des Beobachters erster Ordnung aber wie natural (als Durchsicht auf etwas) gegeben erscheint.


107 Niklas Luhmann Die Religion der Gesellschaft, S.25: Wir setzen den Fortgang bei der Überlegung an, daß Operationen im allgemeinen und Beobachtungen im besonderen nicht als Einzelereignisse möglich sind, sondern rekursive Netzwerke voraussetzen, mit deren Hilfe sie sich reproduzieren und damit zugleich diesen Reproduktionszusammenhang gegen eine Umwelt abgrenzen, die keine Operationen, sondern nur Ressourcen und Störungen beisteuert. Dieser Ausgangspunkt verweist auf Systembildung, und genauer: auf die Bildung operativ geschlossener, autopoietischer Systeme, die unter weiteren Bedingungen fähig sein können, sich selbst nicht nur auszudifferenzieren, sondern im Anschluß daran sich selbst von ihrer Umwelt zu unterscheiden. Die Unterscheidung von System und Umwelt wird dabei in sich selbst hineingedoppelt; und dies, wie sich aus
unseren Prämissen ergibt, auf derjenigen Seite, die Anschlussfähigkeit bereithält - auf der Seite System. In der
Terminologie von Spencer Brown handelt es sich um ein "re-entry" der Form in die Form und damit um jenen rätselhaften Vorgang, der am Ende des Kalküls zeigt, dass er bereits am Anfang des Kalküls vorausgesetzt war.
(Spencer Brown LoF56: "The key is to see that the crossed part of the expression at every even depth is identical
with the whole expression, which can thus be regarded as re-entering its own inner space at any even depth., LoF69: chapt 12: Re-Entry into the Form, LoF105) Und um zu verdeutlichen, was damit geschehen ist: wir haben
der Tautologie der Unterscheidung, die sich selber unterscheidet, eine andere Unterscheidung unterschoben, nämlich die von System und Umwelt. Dabei bleibt die Welt das »Worin« dieses Geschehens: der durch diese
oder jene Unterscheidung nicht markierte Zustand, der für jede Markierung die andere Seite bildet. Die
Substitution einer anderen Unterscheidung ist logisch nicht zu begründen; doch wer es auf die vorgeschlagene
Weise nicht tun will, muß es auf eine andere Weise tun, will er nicht an der Paradoxie der Tautologie (das Verschiedene ist Dasselbe) hängen bleiben. Die Operation des Substituierens ist keine logische Operation; aber sie ist weltkompatibel. Und man kann sie an ihren Früchten erkennen. Die Identität des »markierten«
Beobachters ist also die Identität eines Systems. Das darf allerdings nicht zu dem voreiligen Schluß verleiten, daß
das System nur seine Umwelt beobachte. Wieweit das für Tiere gilt und wieweit auch für menschliche Wahrnehmungen, wäre zu diskutieren; aber die komplexe Theoriearchitektur, auf die wir uns eingelassen haben, bewahrt uns vor jenem Fehlschluß. Der Beobachter kann, als Bewußtsein oder als soziales System, sich an der in ihn selbst hineincopierten Unterscheidung von System und Umwelt, also von Selbstreferenz und Fremdreferenz orientieren; und er muß dies (obwohl er alle Referenzen intern produziert), weil er andernfalls eigene Zustände ständig mit denen der Umwelt verwechseln würde und sich durch die Umwelt dann nicht einmal irritieren lassen, also auch nicht lernen könnte. Gerade wenn es sich um ein operativ geschlossenes System handelt, das mit keiner eigenen Operation in die Umwelt ausgreifen oder sie auch nur kontaktieren kann, gerade dann hängt das Überleben (= Fortsetzung der Autopoiesis) ganz und gar von der intern disponiblen Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz ab, die Lernprozesse steuert. Was immer damit an Strukturen aufgebaut wird, bleibt internes Kondensat, bleibt Konstruktion; und es gibt genügend Beispiele dafür,
daß Konstruktionen sich nicht bewähren und Systeme sich durch ihre eigene (obwohl eigene!) Konstruktion selbst zugrunde richten. Ein aktuelles Beispiel ist die Staats- und Wirtschaftskonstruktion des kommunistischen
Sozialismus. Andererseits ist jedoch die Selbstbestimmung (Selbstorganisation) durch den Unterschied von
Selbstreferenz und Fremdreferenz unerläßliche Voraussetzung für evolutionäre Selektion. Alle höheren Formen des Bewußtseins und alle soziale Kommunikation bleiben darauf angewiesen. Keine Gesellschaft wäre auch nur
in Gang gekommen, wenn man nicht gelernt hätte, zwischen Worten (Selbstreferenz) und Dingen (Fremdreferenz) zu unterscheiden. Verglichen mit dem Unterscheiden schlechthin, das als Operation aus dem unmarked space der Welt auf etwas Bezeichnetes zugreift und dies dadurch vom unmarkierten Bereich der Welt unterscheidet - im Unterschied also zu dieser Normalform des Unterscheidens hat die Unterscheidung von
Selbstreferenz und Fremdreferenz den bedeutenden Vorzug, auf beiden Seiten anschlussfähig zu sein. Das
System kann beobachten, daß es beobachtet. http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann_religion24-2010.html


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Der (im Blick auf Systeme universalen) Unterscheidung von Fremdreferenz und Selbstreferenz (bezogen auf die Unterscheidung von Operation und Beobachtung) steht in der modernen Gesellschaft ein anderer Totalunterscheidungstyp gegenüber: die binären Codes, mit deren Hilfe sich die Funktionssysteme formieren. Wenn man davon ausgeht, dass die Gesellschaft sich als Netzwerk
von Kommunikationen reproduziert, ist klar, dass jede Beobachtung der Operation Kommunikation ist, dass jede Kommunikation qua Form Selbstreferenz und Fremdreferenz kombiniert, oder genauer: eben diese Unterscheidungsmöglichkeit aktualisiert. Jede dieser Operationen - das heißt auch: jeder wirtschaftlich, rechtlich, religiös, politisch, wissenschaftlich codierte Kommunikation. Dabei können sowohl Fremdreferentiell wie selbstreferentiell bestimmte Operationen codiert werden…
249 Diese Trennung von Referenzproblem und Codierungsproblem markiert den Unterschied von moderner und alter Gesellschaft. Diese schraubt (auf dem Hintergrund zweiwertigen Logik und ganz besonders im Hinblick auf das Erkenntnisproblem) Referenz und Kodierung zusammen; jene löst die Verschraubung und handelt sich damit zwar das Referenzproblem in verschärfter Weise ein
(Explosion der Ontologien), schafft aber damit zugleich die Form polykontexturaler Gesellschaft, jenes hoch differenzierte, hyperkomplexe Arrangement, jene laterale Allgemeinheit, die sich in monomundalen Terms weder beobachtend noch beschreibend erreichen lässt, wiewohl laufend in ihr beobachtet und beschrieben wird. Es kann nun nicht (und hier setzt die darauf bezogene Spekulation an) darum gehen, die Büchse der Pandora zu schließen und einfachere Weltverhältnisse zu imaginieren. Die Imaginate wären (im Duktus unserer Argumentation) Mehrerleierreignisse, plural konstituiert, Beobachtungen ausgesetzt, die nicht mit ihren Unterscheidungen arbeiten, Vexierbilder in einem genauen Sinne. Stattdessen kann man die Unterscheidungen, die befähigen, eben dies zu sehen, ins Zentrum semantischer (und gleichsam nachgeführter institutioneller wie technischer) Entwicklungen stellen, deren Leitunterscheidungen Referenzverfestigungen (Inkrustationen von Realität) unterlaufen. Daran und damit könnte das, was wir oben Beobachtungsbeobachtungskultur genannt haben, elaboriert werden als systematisches Sich-beobachtenlassen auf das, was durch die Operationsbeobachtung sich der Sicht entzieht, dritte Werte und die dritten Werte der Dritten Werte etc.

Beobachtungsbeobachtungskultur – bei diesem Begriff blieb ich stecken, ich hatte vieles nicht ge-checkt und musste auf Seite 248 nochmals beginnen. den Fuchsischen Gedankengang nachvollziehen:

248
Von diesen Überlegungen her kann das, was die Bezeichnung bezeichnet, nicht mehr den
Realitätsindex allein tragen. Realität ist nicht schon involviert dadurch, dass etwas als etwas bezeichnet wird und niemand dieser Bezeichnung widerspricht (etwa im Sinne: das ist kein Apfel, sondern eine Birne). Sie wird vielmehr begreifbar als Effekt der mit der Bezeichnung aktualisierten Unterscheidung, als virtuelle Sichtrealität, als gemalte Fensterscheibe, die durch
einen Beobachter einer Beobachtung erst in ihrer Artifizialität erfasst werden kann, auf der Seite des Beobachters erster Ordnung aber wie natural (als Durchsicht auf etwas) gegeben erscheint. (Peter Fuchs)

„Sie wird vielmehr begreifbar als Effekt der mit der Bezeichnung aktualisierten Unterscheidung, als virtuelle Sichtrealität.― Hier war ich gestolpert, ich hatte nicht verstanden, etwas Wichtiges glatt überlesen. In diesem Satz werden zwei Formen von Realität unterschieden: reale Realität und virtuelle Realität. Für sprechende Menschen gibt es nur
„vorgestellte― Realität, imaginierte, konstruierte Realität. Systemtheorie zwingt mich zum
genauen Denken, zum Nachdenken, es fordert eine Beobachtung einer Beobachtung,
eine zweite Unterscheidung. Diese Erkenntnis, diese „insight― muss ich - zum Einordnen des
Verstehens - in erinnerbarer Form speichern, im „Zettelkasten―.


Realität ist nicht schon involviert dadurch, dass etwas als etwas bezeichnet wird und niemand dieser Bezeichnung widerspricht (etwa im Sinne: das ist kein Apfel, sondern eine Birne). Sie wird vielmehr begreifbar als Effekt der mit der Bezeichnung aktualisierten Unterscheidung, als virtuelle Sichtrealität, als gemalte Fensterscheibe, die durch einen Beobachter einer Beobachtung erst in ihrer Artifizialität erfasst werden kann, auf der Seite des Beobachters erster Ordnung aber wie natural (als Durchsicht auf etwas) gegeben erscheint.


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Boe: Realität - begreifbar als Effekt der mit der Bezeichnung aktualisierten Unterscheidung, als virtuelle Sichtrealität.

Beobachter erster Ordnung beobachten – Beobachtung - Beobachter
Beobachter zweiter Ordnung Beobachter einer Beobachtung


„Virtuelle Sichtrealität – Realität wird begreifbar als Effekt der mit der Bezeichnung aktualisierten Unterscheidung“. Mein Verstehens- oder Interpretationsprozess bewertet, „was ist wichtig―. Ich kann erkennen, dass alles Unterscheiden „qualifiziert―, alle Bezeichnungen
„qualifizierenden Sinn― vermitteln. Von diesem Denkresultat aus gelingt mir erst das
„Zwischen-den-Zeilen-Lesen―, der Bezug zu anderen Leseresultaten meiner
Verstehensarbeit. Da tauchen aus den Assoziationsregionen meines Gehirns „Erinnerungen― auf, andere Zettelkasteneinträge: imaginäre, imaginierende, konstruierende Realität – Realitätsverdoppelung:

Luhmann Religion der Gesellschaft, S. 53: Realitätsverdoppelung

... die These, dass die Sinnwelt (oder in anderen Worten: die Realität) gespalten werden muss, soll etwas beobachtet werden.
…der Begriff der Realität einen qualifizierenden Sinn annimmt
…Die Welt enthält dann etwas, was nicht in diesem engeren Sinne real ist, aber gleichwohl als Position eines Beobachters dienen und seinerseits beobachtet werden kann.
…es wird eine besondere, sagen wir reale Realität dadurch erzeugt, dass es etwas gibt, was sich
von ihr unterscheidet. (Niklas Luhmann108)

Einschlägige Zettel sind auch unter „Jörissen Beobachtung der Realität―109 gespeichert:

…aus systemtheoretischer Sicht grenzt sich jedes selbstreproduzierende System, das zwischen Selbst- und Fremdreferenz zu unterscheiden fähig ist, selbst gegen seine Umwelt ab, ohne Zutun eines äußeren Beobachters: die autopoietische, selbstreflexive Aktivität des Systems ist gegenüber dem diese konstruierenden Beobachter primär.
…Satt nun die Betrachtung auf das Beobachterkonstrukt System/Umwelt zu fixieren,
verlegt Luhmann die Perspektive seines Beobachtens gleichsam in das System selbst hinein.
…Der Fokus verschiebt sich auf den Prozess des Beobachtens und vermeidet
die prekäre repräsentationalistische Bezugnahme auf „den Beobachter“ auf der einen und „die“ Umwelt auf der anderen Seite der cartesischen Kluft.
…Die grundlegende Perspektive wird durch die
Unterscheidung von Operation und Beobachtung markiert; "der" Beobachter ist ein
späteres, darauf aufsetzendes Theoriekonstrukt:
…„Beobachten wird als eine Operation gesehen und der Beobachter als ein System,
dass sich bildet, wenn solche Operationen nicht nur Einzelereignisse sind, sondern sich zu Sequenzen verkehrten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen―
(Luhmann Einführung in die Systemtheorie, S.142)



108 Niklas Luhmann Die Religion der Gesellschaft, S 58:…die These, dass die Sinnwelt (oder in anderen Worten: die Realität) gespalten werden muss, soll etwas beobachtet werden. Aber das besagt zunächst nur, dass jede Beobachtung von einer operativ vollzogenen Unterscheidung abhängt. Bei religiöser Kommunikation geht es um einen besonderen Fall, den wir (immer noch zu allgemeinen) als Realitätsverdoppelung bezeichnen können. Für für die Welt hat das zunächst zur Folge, dass der Begriff der Realität einen qualifizierenden Sinn annimmt. Erst dadurch entsteht überhaupt Realität, die bezeichnet, das heißt: von anderen unterschieden werden kann. Die Welt enthält dann etwas, was nicht in diesem engeren Sinne real ist, aber gleichwohl als Position eines Beobachters dienen und seinerseits beobachtet werden kann. Es ist dann nicht mehr einfach alles, was ist, real, indem es ist, wie es ist, sondern es wird eine besondere, sagen wir reale Realität dadurch erzeugt, dass es etwas gibt, was sich von ihr unterscheidet. http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann-religion53.html
109 Benjamin Jörissen Beobachtungen der Realität: http://www.uboeschenstein.ch/texte/joerissen- Beobachtungen.html

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…Da die Frage einer systemunabhängigen Realität innerhalb der Systemtheorie keinen Sinn macht, können Systeme zugleich nur als Beschreibungsweisen, und nicht als ontische Wesenheiten verstanden werden - …

Beim „Verarbeiten― dieser Zettelkasten-Bruchstücke fällt mir ein Satz von Heinz von Foerster ein:

„Alle Systeme, die wir aus dem Universum herausschneiden, sind nicht-triviale Systeme―
(Heinz von Foerster)110.

Wir „schneiden Systeme aus dem Universum heraus― durch die Operation des Beobachtens, durch das „Ziehen― einer Unterscheidung (G. Spencer Brown) und das „Hinweisen― (Bezeichnen). Wir „erschaffen― nicht-triviale Systeme als abgegrenzte Prozessbereiche.
Mein „Geist― springt zum Stichwort „Systeme―: Was ist ein System?, was heisst „der
Beobachter als ein System“?111

Luhmann Einführung in die Systemtheorie, S.142:
…„Beobachten wird als eine Operation gesehen und der Beobachter als ein System, das sich bildet, wenn solche Operationen nicht nur Einzelereignisse sind, sondern sich zu Sequenzen verkehrten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen―

Systemtheorie: Systeme - Was sind Systeme? Wie entstehen Systeme?

Peter Fuchs Autopoiesis, Unjekte und konditionierte Co-Produktion 112:
…„Soziale und psychische Systeme, so der Lehrsatz, sind autopoietische Systeme. Der Lehrsatz verschweigt, dass Systeme keine Objekte sind, denen Eigenschaften angesonnen werden können.
…Sie sind keine aristotelischen Substanzen, sie sind auch nicht Subjekte, die als Objekte von anderen Subjekten beobachtet werden können, die selbst Objekte für andere Beobachtungsobjekte sind. Sie sind weder Subjekte noch Objekte, sie sind ein WederNoch.
…Man könnte sie Un-jekte nennen und würde sich damit nicht im mindesten von einer Systemtheorie
entfernen, die das System von allem Anfang an als Differenz bestimmt:
…Das System ist die System/Umwelt-Differenz. Es lässt sich deshalb formal bezeichnen durch den Schied, die Barre, das “/“ des Unter-schieds113, und eine der wesentlichen Folgen dieser Annahme war und ist, dass keine Systemreferenz durchgehalten werden kann, die das System als
Objekt begreift, aber auch keine Referenz, die die Umwelt als weiteres Objekt nimmt oder Systeme in
Umwelt nun als weitere Objekte, die sich auf ein Subjektssystem beziehen. Die Anweisung ist streng:
…Nimm das System als Differenz, bezeichne den Unterschied des Systems, und kalkuliere ein dass du dann in die Probleme nicht-aristotelischer Logik und in die Probleme nicht- cartesischer Arrangement gerätst. Die Anweisung ist ferner, dass die Beobachtung solcher
Arrangements von Beobachtern durchgeführt wird,die sich selbst fixieren müssen als ein Arrangement desselben Typs, was bedeutet, dass die Beobachtung in einer Sprache stattfindet, die ein
technisiertes Medium ist, mithin eine cartesische Simplifikation114.


110 Heinz von Foerster: Der Anfang von Himmel und Erde, Kadmos, S.46
111 Es fällt mir dann auf, dass ich da eine eine unbeantwortbare Frage stelle, es überfällt mich meine Selbstkritik: Du darfst keine Was-Fragen stellen! Du musst lernen anders zu Fragen – prozesshaft. Es gelang mir erst nach
langem Üben umzustellen von Was- auf Wie-Fragen. Jörissen: Beobachtung wird als Operation beobachtet. Nun
kann unterschieden werden, wie diese Operation stattfand. Der Fokus verschiebt sich vom Was des Beobachtens
(Alltagserfahrung) zum Wie seines Vollzugs.
112 Peter Fuchs Autopoiesis, Unjekte und konditionierte Co-Produktion http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchs-unjekte.html
113 Der Schied, die Barre, das ―/― des Unter-schieds: die Grenze auf welcher der Hagazussa sitzt und reflektieren muss, dass er ein Unjekt ist, ein Dr.Fulltime Nobody (Laurence Sterne)
114 Benjamin Jörissen Beobachtungen der Realität, S.137: …Dass die Zuschreibung von Realität speziell auch eine unvermeidliche Eigenschaft des Gebrauchs des Mediums Sprache ist, ergänzt diese Argumentation.
Luhmann hat diese These erst im Band Gesellschaft der Gesellschaft vorgelegt (LuhmannGG218). Sprache, so
Luhmann, könne nur funtionieren, „wenn durchschaut wird und durchschaut wird, dass durchschaut wird, dass die Worte nicht die Gegenstände der Sache sind, sondern sie nur bezeichnen. Dadurch entsteht eine neue, eine emergente Differenz, nämlich die von realer Realität und semiotischer Realität“.(ebd.:Luhmann merkt dazu

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…Wir entnehmen diesem vertrackten Verhältnis die Einsicht, dass auch Autopoiesis an die ökologische Differenz gebunden, also alles andere als eine Eigenschaft des psychischen oder des sozialen Systems ist. (Peter Fuchs)

Hier stockt mein „Geist― – ich muss Assoziationen zu „cartesische Simplifikation―
reflektieren:

… Signifikation - Sprache – Semiotik: Jörissen S.137: Die Systemtheorie als Kommunikation kann nicht anders, als eine Ontologisierung ihres Gegenstands vorzunehmen. Sie dekonstruiert jedoch diese sozusagen unvermeidliche performative Ontologisierung im Kontext ihrer Analysen zur Realität und Kommunikation durch die Beobachtung zweiter Ordnung, nach welcher die Realität von Systemen immer relativ auf den äußeren (zum Beispiel systemtheoretischen) Beobachter zu verstehen sei. Die Theorie, so interpretiert Peter Fuchs diesen Sachverhalt, „sagt, dass sie es mit der Realität zu tun hat, aber das heißt nur, dass sie um die Effekte der Beobachtungsebene erster Ordnung nicht herumkommt― (Fuchs Sinn13).

Und dann stolpert mein „suchender Geist― grad wieder und springt: Da gibt es doch im Zusammenhang der Problematik der Alltagssprache, der Beobachtungsebene erster Ordnung, noch weitere, neue, noch nicht ganz verstandene Stichwörter:
Un-jekte, Differenzen, „arbeitende Unterschiede―. Wo habe ich das gelesen, wo reflektiert,
wo im Zettelkasten gespeichert? Wo? Und dann – manchmal kleine Erfolgserlebnisse: Ja, genau: Fuchs: Autopoiesis, Unjekte und konditionierte Co-Produktion:

...Weder das System noch die Umwelt, weder strukturelle Kopplung noch Autopoiesis selbst sind – Gegenstände. Sie sind aber auch keine Artefakte (denn auch dann wären sie Objekte gleichsam zweiter Ordnung), sie sind, strictissime, arbeitende Unterschiede, beobachtet durch einen Unterscheider, der gleichfalls nur als arbeitender Unterschied, als betriebene Differenz konzipiert ist.
…Sie kann nichts anderes sein als konditionierte Co-Produktion. Sie ist in gewisser Weise janus- förmig, oder auch: Sie ist wie das System selbst keine Einseitenform.
…Daraus folgt selbstverständlich auch, dass Autopoiesis so wenig wie das System (oder irgendein Phänomen, das in diesem Kontext diskutiert werden könnte) ein Objekt ist, und dies bedeutet definitiv, dass sie wie die anderen Un-jekte (System, strukturelle Koppelung, Umwelt etc.) sich empirischer
Direktbeobachtung entzieht.

Und wieder springts: „Das System ist die System/Umwelt-Differenz―. Der Systemtheorie- Lese-Schüler hat jahrelang nicht so richtig verstanden, was mit „System/Umwelt-Differenz― gemeint ist, brauchte sehr viel „mehrmaliges Lesen―, um dem Geheimnis der „konditionierten Co-Produktion― auf die Spur zu kommen, diesen Begriff (und den Begriff „Un-jekt―) in seinem
„semantischen Gedächtnis―, seiner „semiotischen Realität― einzuordnen. Ich bin halt als systemtheoretischer Autodidakt oft schwer von Begriff, benötige viel „Üben-Zeit― um zu
beobachten, wie „Meister Fuchs― beobachtend beobachtet. Mein suchender „Geist― gibt sich
eine Anweisung: Draw distinctions! Try again - draw new distinctions! Ich mache dazu einen nochmaligen Leseversuch in der „Erreichbarkeit der Gesellschaft― Seite 248 (und stolpere dabei wahrscheinlich immer noch und immer wieder über Noch-nicht-Verstandenes):

248 Wenn man davon ausgeht, dass die Gesellschaft sich als Netzwerk von Kommunikationen reproduziert, ist klar, dass jede Beobachtung der Operation Kommunikation ist, dass jede Kommunikation qua Form Selbstreferenz und Fremdreferenz kombiniert, oder genauer: eben diese Unterscheidungsmöglichkeit aktualisiert. Jede dieser Operationen - das heißt auch: jeder wirtschaftlich, rechtlich, religiös, politisch, wissenschaftlich codierte Kommunikation. Dabei können sowohl fremdreferentiell wie selbstreferentiell bestimmte Operationen codiert werden.
249 Diese Trennung von Referenzproblem und Codierungsproblem markiert den Unterschied von moderner und alter Gesellschaft. Diese schraubt (auf dem Hintergrund zweiwertigen Logik und ganz


an: Statt von semiotische Realität könne man auch von imaginärer, imaginierender, konstruierender usw. Realität sprechen). Auf diese Weise unterscheidet sich die Sprache als semiotischer Bereich selbst, indem in ihr die Differenz „reale vs. semiotische Realität― getroffen wird. http://www.uboeschenstein.ch/texte/joerissen- Beobachtungen.html

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besonders im Hinblick auf das Erkenntnisproblem) Referenz und Kodierung zusammen; jene löst die
Verschraubung und handelt sich damit zwar das Referenzproblem in verschärfter Weise ein
(Explosion der Ontologien), schafft aber damit zugleich die Form polykontexturaler Gesellschaft, jenes hoch differenzierte, hyperkomplexe Arrangement, jene laterale Allgemeinheit, die sich in monomundalen Terms weder beobachtend noch beschreibend erreichen lässt, wiewohl laufend in ihr beobachtet und beschrieben wird.

Stop! Und grad nocheinmal! Wiederholen! – das ist wichtig, merkt der Autodidakt und merkt sich:

… Diese Trennung von Referenzproblem und Codierungsproblem markiert den Unterschied von moderner und alter Gesellschaft.
…Diese (Boe: die alte, „stratifizierte“ Gesellschaft) schraubt (auf dem Hintergrund zweiwertigen Logik
und ganz besonders im Hinblick auf das Erkenntnisproblem) Referenz und Kodierung zusammen;
…jene (Boe: die moderne, funktional-differenzierte Gesellschaft) löst die Verschraubung und handelt sich damit zwar das Referenzproblem in verschärfter Weise ein (Explosion der Ontologien),
…schafft aber damit zugleich die Form polykontexturaler Gesellschaft, jenes hoch differenzierte,
hyperkomplexe Arrangement, jene laterale Allgemeinheit, die sich in monomundalen Terms weder beobachtend noch beschreibend erreichen lässt, wiewohl laufend in ihr beobachtet und beschrieben wird.

Die Denkwelt der Sprache ist in unserer funktional-differenzierten (Welt)-Gesellschaft „explodiert―. Im Denkraum polykontexturaler Gesellschaften verliert die Sprache ihre Eindeutigkeit115 <span style="color: #ff0000" />– es gibt nicht mehr eine „unus mundus― Gedankenwelt (Mono-Kontextur), es gibt unvereinbar viele Sprachwelten. Der assoziierende Gedanken-Produzent , mein Subsystem Bewusstsein, landet im sozialen Denkbereich Sinn.

Gesellschaft = Kommunikation Kommunikation = Medium Sprache Medium Sprache = Medium Sinn
Medium Sinn = Beobachten (Unterscheiden-Bezeichnen).

Sinn – Medium Sinn – Sinnsysteme

Zum Stichwort „Sinn― hats im Zettelkasten ganz viele Einträge116. Es fällt mir schwer, sie alle im Kopf zu behalten, alle Assoziationsmöglichkeiten schnell zu „vergegenwärtigen―, Verstehens-Lämpchen aufleuchten zu lassen, mein Verstehen funktioniert oft nur stockend, ärgerlich langsam – eben „schwer von Begriff―.

115 monomundal – Kontextur – Polykontexturalität: Peter Fuchs Die Erreichbarkeit der Gesellschaft, S.45: Polykontexturalität ist deshalb nicht nur die quantitative Vielheit von Kontexterzeugungsmöglichkeiten. Sie ist erst dann vollständig bestimmt, wenn man sich klarmacht, dass dieser Begriff sein Profil gewinnt vor dem Hintergrund, dass die irritierende Vielheit bezogen wird aus einem mono-logischen, basal zweiwertigen Selektionsraum. Man kann hier die Figur des cartesischen Duals als Topos namhaft machen, in der Subjekt und Objekt als Leitunterscheidung überhaupt jeder denkbaren kognitiven Operation erscheinen und bewusst werden. Der Singular „Subjekt― täuscht dabei über eine notwendige, wiewohl hoch problematische Annahme hinweg: dass nämlich eine in bestimmter Hinsicht isomorphe Struktur einer Mehrheit von Subjekten, die sich auf Objekte beziehen, mitgedacht werden muss. Das lässt sich zurückrechnen auf die fundamental zweiwertigen, klassische Logik, die nur zwei Bestimmungen (logische Wertqualitäten) kennt, die positive und negative,
die sich wechselseitig ausschließen und zugleich implizieren. Eine dritte Möglichkeit (Tertium non datur) gibt es nicht. Etwas ist, oder es ist nicht, und wenn es ist, wenn von ihm die Rede ist, dann von einer
absoluten Positivität, von einem „So-und-nicht-anders“, das „ im Verbot des Widerspruchs axiomatisiert“
wird. 48 Die binäre Logik (und damit der Ausschluss des Dritten Wertes) strukturiert, wie gedacht, und vor
allem, wie kommuniziert werden kann. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Ontologie, die - wie immer auch zu Stande gekommen - als Apriori jeder möglichen kognitiven oder sozialen Operation vorauszugehen scheint. Der Titel "metaphysischer Realismus" (Glasersfeld) bezeichnet recht griffig die Dauerpräsenz dieses A-priori. Wir werden jedoch um die Begriffekonsistenz zu halten, von einer Kontextur sprechen. http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchs-erreichbarkeit42.html
116 Der Begriff Sinn: http://www.uboeschenstein.ch/sal/systemtheorie_glossar.html http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann_glosssinn.html
Sinn: luhmann_GG45 - luhmann_sozsystem92 - luhmann_einführung-systemtheorie223

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Zum Einstieg in die „Sinnwelt― nochmals Fuchs: Autopoiesis, Unjekte und konditionierte Co- Produktion.

...Weder das System noch die Umwelt, weder strukturelle Kopplung noch Autopoiesis selbst sind – Gegenstände. Sie sind aber auch keine Artefakte (denn auch dann wären sie Objekte gleichsam zweiter Ordnung), sie sind, strictissime, arbeitende Unterschiede, beobachtet durch einen Unterscheider, der gleichfalls nur als arbeitender Unterschied, als betriebene Differenz konzipiert ist.
…Die Besonderheit dieses Betreibens, dieser Arbeit ist offenbar, dass sie sich im Medium Sinn
vollzieht, in der, wie man vielleicht sagen könnte, Projektivität von Sinn, in der Projektion von Oberflächen. Sie führen immer Sichten vor und nicht Nicht-Sichten, sie zeigen etwas, sie bedeuten etwas im Webewerk von Sinnverweisungen, sie besagen etwas für etwas.
…Für einen Beobachter heißt das: ihm begegnen Systeme (und er sich selbst ebenfalls) immer nur als Konnexität von Projektionen, als Sinnverweisungsschläge, die auf Sinnverweisungsschläge verweisen – und nie als Nicht-Sinn oder Nicht-Bedeutung.

… Und da Sinn für Sinnsysteme ein universales (nicht negierbares) Medium ist, fehlt es an der
Möglichkeit, ein Dahinter des Sinns, einen Nichtsinn zu kommunizieren bzw.zu erleben.

…Nichts hindert mithin daran, das System (diese Differenz) als die konditionierte Co-Produktion von Projektionen aufzufassen, deren Verkettung (chaining) in irgendeiner Form Beobachter generiert, die aus der Analyse nicht wegzudenken sind, weil Sinn als Medium jemanden/etwas voraussetzt, der dem Medium Formen abgewinnt: Als Epiphanien eines bestimmten (und sofort wieder auflösbaren) Sinns.
…Diese Beobachter nutzen Sinn, sie sind im genauen Sinn randvoll mit Sinn aufgefüllt. Sie haben keinen Spalt, durch den ohne Sinn auf Nicht-Sinn geblickt werden könnte. Nur aus den Augenwinkeln können sie in der Weise (hoch kommentarbedürftigen Sinnes) die Möglichkeit von Nicht-Sinn in der Form von Sinn andeuten.
…Solche Beobachter sind eingerichtet im Hause der Bedeutung, der Projektion. Sie sind
Sinnverkettungsmaschinen.

Homo loquens sind Sinnverkettungsmaschinen im „Webewerk von Sinnverweisungen―. Das leuchtet mir ein, es beleuchtet meinen Zettelkasten-Assoziations-Versuch in aurorafarbigem Morgenlicht: mein Zettelkasten ist ein Webewerk, ein Gewirk, es wirkt, es erzeugt Sinn, es vernetzt. Ich notiere zettelkastend: wirken - tätig sein, nützlich sein; etwas schaffen, vollbringen, machen, herstellen, produzieren; sich einsetzen, sich engagieren117

Bei Sinnverkettungen zum Thema Sinn springt mir das „Faustwort zum Wort― in den Sinn:

Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort!
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. J.W. Goethe Faust

„Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin― – dann leuchtet mir Luhmann ein:

…Psychische und soziale Systeme sind im Wege der Co-evolution entstanden. Die jeweils eine Systemart ist notwendige Umwelt der jeweils anderen. Die Begründung dieser Notwendigkeit liegt in der diese Systemarten ermöglichenden Evolution. Personen können nicht ohne soziale Systeme entstehen und bestehen, und das gleiche gilt umgekehrt.
…Die Co-evolution hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von psychischen als auch von sozialen Systemen benutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide ist sie bindend als unerläßliche, unabweisbare Form ihrer Komplexität und ihrer Selbstreferenz.
Wir nennen diese evolutionäre Errungenschaft „Sinn“. (Niklas Luhmann118)

117 Siehe auch: Einsatz, Engagement, Einfluss haben oder ausüben, eine Wirkung abgeben oder erzeugen, Wirksamkeit besitzen, eine Wirkung haben, jemanden beeindrucken.
118 Niklas Luhmann Soziale Systeme, S. 92f.: http://www.uboeschenstein.ch/texte/luhmann_sozsystem92.html

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Es leuchtet mir auch ein, was Oliver Jahraus119 zur Koppelung der beiden autopoietischen
Sinnsysteme schreibt:

…Das allgemeinste und "fundamentalste" Medium, das somit auch Medium für die strukturelle Koppelung ist, ist Sinn, denn Sinn ist das notwendige Korrelat der operativen Schließung dieser beiden strukturelle gekoppelten Systeme. Sinn ist somit das Super Medium für Kommunikation und Bewusstsein<span style="color: #ff0000" />. Medien leisten die strukturelle Kopplung so, dass Sinn aus struktureller Kopplung und aus dieser wiederum Sinn hervorgeht.
…Bewusstsein und Kommunikation stellen eine ausgezeichnete strukturelle Kopplung dar
... Bewusstsein und Kommunikation sind notwendig, unabdingbar und konstitutiv miteinander strukturell gekoppelt.
…Aussagen über das Bewusstsein und über Kommunikation sind keine empirischen, sondern immer konzeptionelle Aussagen, weil es keinen bewusstseins- und kommunikationsunabhängigen
Beobachter von Bewusstsein und Kommunikation gibt, weil Bewusstsein und Kommunikation immer bewusst und kommunikativ beobachtet werden und eine Empirie als evidente Verifikationsinstanz sich damit prinzipiell verschließt. Bewusstsein und Kommunikation können sich nur selbst und wechselseitig konzipieren.

Dazu eine dritte Wiederholung, eine dritte Lesung der Seite 249 in Peter Fuchs Die
Erreichbarkeit der Gesellschaft:

…Diese Trennung von Referenzproblem und Codierungsproblem markiert den Unterschied von moderner und alter Gesellschaft. Diese schraubt (auf dem Hintergrund zweiwertigen Logik und
ganz besonders im Hinblick auf das Erkenntnisproblem) Referenz und Kodierung zusammen;
jene löst die Verschraubung und handelt sich damit zwar das Referenzproblem in verschärfter Weise ein (Explosion der Ontologien), schafft aber damit zugleich die Form polykontexturaler Gesellschaft, jenes hoch differenzierte, hyperkomplexe Arrangement, jene laterale Allgemeinheit, die sich in monomundalen Terms weder beobachtend noch beschreibend erreichen lässt, wiewohl laufend in ihr beobachtet und beschrieben wird.
…Es kann nun nicht (und hier setzt die darauf bezogene Spekulation an) darum gehen, die Büchse der Pandora zu schließen und einfachere Weltverhältnisse zu imaginieren. Die Imaginate wären (im Duktus unserer Argumentation) Mehrerleierreignisse, plural konstituiert, Beobachtungen ausgesetzt, die nicht mit ihren Unterscheidungen arbeiten, Vexierbilder in einem genauen Sinne.
Stattdessen kann man die Unterscheidungen, die befähigen, eben dies zu sehen, ins Zentrum
semantischer (und gleichsam nachgeführter institutioneller wie technischer) Entwicklungen stellen, deren Leitunterscheidungen Referenzverfestigungen (Inkrustationen von Realität) unterlaufen.
…Daran und damit könnte das, was wir oben Beobachtungsbeobachtungskultur genannt haben, elaboriert werden als systematisches Sich-beobachtenlassen auf das, was durch die
Operationsbeobachtung sich der Sicht entzieht, dritte Werte und die dritten Werte der Dritten
Werte etc.

Beobachtungsbeobachtungskultur - „als systematisches Sich-beobachtenlassen auf das, was durch die Operationsbeobachtung sich der Sicht entzieht, dritte Werte und die dritten Werte der Dritten Werte etc―. Operationsbeobachtung, das Beobachten des Beobachtens, verdeckt die Einheit der Differenz. Darüber schreibt Fuchs:

238: VIII. Spekulation - Die Inszenierung der Einheit: Die Einheit einer System/Umwelt-Differenz, auf die zu reflektieren wäre, die als Moment des Anschlusses weiterer systeminterner Operationen zu fungieren hätte, wenn es um es Selbstdistanzierung des Systems (Rationalität) geht, ist immer: die Welt. Systeme sind gerade nicht Ganzheiten, um die herum irgendetwas vorkommt und in denen sich Teile als Momente eines Integrals beschreiben lassen, das den Titel Einheit trägt. Sie sind, weil sie differenziell konstituiert sind, Zwei-Seiten-Formen, mithin Realisat einer Unterscheidung, die - weil unterschieden worden ist - Realität aus sich heraus treibt: die Aktualisierung der Unterscheidung


119 Oliver Jahraus Bewusstsein-Kommunikation-Zeichen, S. 45:
http://www.uboeschenstein.ch/texte/jahraus45.html


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produziert die Möglichkeit zu beobachten, zu beschreiben, zu sehen, und das gilt auch für die Unterscheidung von System und Umwelt, von der her sich die Szene aufbaut, die erblickt werden kann, und sich ebenfalls aufbaut, was im Moment (und auf der Basis dieser Unterscheidung) nicht erblickt werden kann. Vor allem lässt sich die Einheit der Zwei-Seiten-Form in dem durch sie aufgespannten (jetzt: mono-kontexturalen) Raum nicht beobachten.
…„Die Beobachtung des Einen im Einen müsste…das, was sie ausschließt (das wovon sie das Bezeichnete unterscheidet) einschließen. Sie müsste im System (in der Welt) vollzogen werden…Das ist möglich und gibt dem Paradox die Form des „re-entry“; aber die Auflösung erfordert einen imaginären Raum (so wie man vom imaginären Zahlen spricht), und dieser imaginäre Raum tritt an die Stelle des klassischen Apriori der Transzendentalphilosophie― (Luhmann-Wissenschaft716)
…Diese Auflösung bedient sich der Unterscheidung von Operation und Beobachtung. Die Einheit des Systems entsteht operativ, sie ist die operative Einkerbung, die die Zwei-Seiten-Form erzeugt (die Welt), ohne sich als deren Einheit (als Welt) beobachten zu können. Das Sich-selbst-Bemerken der Operation (die Selbstbeobachtung, die an der Differenz System/Umwelt ansetzt und die Momente der Welt sich oder anderen zugerechnet) ist konstitutiv, aber ebenso konstitutiv ist, dass diese Selbstbeobachtung (die natürlich ebenfalls eine Operation ist) die Form, die in ihrem Vollzug zu
Stande kommt, nicht mit ihren operativen Mitteln beobachten kann, sie müsste denn statt
Selbstbeobachtung Weltbeobachtung treiben können, also sein, was sie nicht ist, sich selbst extern, im Falle der Gesellschaft Nicht-Kommunikation und Kommunikation, im Falle des Bewusstseins
Nichtbewusstsein und Bewusstsein.
…239 Es gibt aber dennoch Beobachtungen im System (einige von vielen Operationen), die sich auf die Einheit der Differenz von System und Umwelt richten, die - diese Unterscheidung nutzend - die Welt (also das Nichtbezeichenbare) bezeichnen, Namen dafür verteilend wie zum
Beispiel Gott oder All-Eines oder Totalität und damit Anschlüsse organisieren und limitieren, die ein
Beobachter dieser besonderen Beobachtung wiederum unterscheiden und beobachten kann: als Kondensat der einer Operation, deren „Imaginarität― (nicht: deren Folgenlosigkeit oder Unbedeutsamkeit) sich daran ab greifen lässt, dass sie operativ die Einheit realisiert, die sie weder als System noch als Umwelt bezeichnen kann.
…Auf die Einheit der Differenz von System und Umwelt gerichtete Beobachtungen springen (aber das tun sie nicht an sich, sondern sozusagen nur für sich) aus ihrer Paradoxie durch Designieren weder
der einen noch der anderen Seite, sondern durch die Setzung einer „Leerstelle―, durch Erfindung von
Wörter, Axiomen, Unbezweifelbarkeitssemantiken.
…Die moderne Gesellschaft, das haben wir eingehend diskutiert, hat ihre Modernität eben darin, dass in ihr nicht mehr die Operation der Beobachtung des Einen im Einen (und die anschließende Gleichschaltung aller Beobachtungsmöglichkeiten ) konkurrenzfrei (ihrerseits unbeobachtet ) geschieht, sondern sich vielmehr eine Art von Stabilisierung durch Komplexifikation auf der Ebene von Beobachtungsbeobachtungen, Beschreibungseschreibungen vorfindet, man sollte besser sagen: eine Art Multistabilität bei rekursiver Vernetzung und darauf fussender Produktion von
„Eigenwerten― (zum Beispiel Dingen oder Sprache), die den Anschlussoperationen als stabile zu Grunde gelegt werden, wiewohl sie doch (legt man auf der "weichen" Operation der Beobachtung ab) in the long run ehervon Bénard‗scher Instabilität sind wie Wolkenbilder oder Wabenmuster im Milchkaffee.
…Wenn (wie in dieser Arbeit) die Tendenz vertreten wird, diesen Sachstand zu akzeptieren (und darüber nicht in postmodernes Lamentieren auszubrechen, sondern sich von seinen Möglichkeiten faszinieren zu lassen) so bedeutet das: die Entwicklung einer Beobachtungsbeobachtung- bzw. Beschreibungsbeschreibungskultur, die beim Beobachten von Beobachtern ihr Augenmerk darauf legt, „ welche Unterscheidungen der beobachtete Beobachter benutzt“ (Luhmannn- Wissenschaft718).
…Es geht dann darum, was der beobachtete Beobachter sehen kann und was er nicht sehen kann, also auch um einen blinden Fleck, und natürlich gilt dies auch für den dies wiederum beobachtenden Beobachter, der seinerseits beobachtet wird. Und natürlich ist wichtig, was geschieht, wenn der Beobachter erster Ordnung mit Beobachtungsergebnissen zweiter Ordnung konfrontiert wird, wenn gleichsam zurück beobachtet wird auf verbreiteter (Latenzen miteinbeziehender) Informationsbasis.
(Peter Fuchs120)

Das Buch, in dem Peter Fuchs den Begriff „Beobachtungsbeobachtungskultur― vorstellt, erschien 1992. In seiner jüngsten Arbeit „Das System Selbst (2010)― werden zur Beobachtungsthematik neue „Sinn-Sichten― aufgespannt:

120 Peter Fuchs Die Erreichbarkeit der Gesellschaft, S. 238 http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchs-ereichbarkeit238.html

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…für psychische Systeme gilt, daß ihre operative Synthetik (oder Syndosis) ohne das Medium der Sinnverweisungen kaum zu denken ist. Sie ist auf ein ‚Bemerken‘ angewiesen. Es fügt sich, daß dieses ‚Bemerken‘ schon etymologisch auf ein Beobachten hinausläuft. Das althochdeutsche
‚merchen‘ heißt soviel wie die Sinne ausrichten auf etwas dadurch Angepeiltes im Blickfeld.
‚Aufmerksamkeit‘ ist davon abgeleitet, aber auch: die Marke, das Markieren―. Wenn wir dieses Stichwort aufnehmen, läßt sich dieses Bemerken tentativ auf die Operation der Beobachtung in psychischen Systemen beziehen, in Sonderheit auf das System, das die Beobachtungen, die im psychischen System ‚aufblitzen‘, verbindet und deren Selektivität mitbeobachtet und erinnerbar hält: das SELBST.
…Damit dies gelingt, muß die Operativität des Systems in jedem Moment ‚Sinn-Sichten‘ aufspannen, die die Welt des Systems darstellen, eine Welt, die in jeder Aktualität vollständig ist und genau deshalb zum Bemerken in Sinne von Herausgreifen, Seligieren, Referieren und Be-Obachten nötigt.
…Wir könnten nicht einmal von Operationen reden, wenn wir nicht diese Sinnprojektionen vor Augen
hätten, dieses ‚Welten‘ (Heidegger, M., Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 1975ff., S.56/57, S.72f.) im
genauen Sinne: diese Installation von Fremdreferenzen, die klassisch als Intentionalität verbucht wurden, die wir hier jedoch als fremdreferentielles ‚Bedeutungsgewirk‘ auffassen, durch die das System in jedem Augenblick bestimmt ist.
…Das, was wahrgenommen wird (sehend, hörend, riechend etc.), ist für psychische Sinnsysteme (ein
wenig mit Hegel gedacht): die Unmittelbarkeit der Totalität von Moment zu Moment. (Fussnote:Hinter dieser Totalität steckt nicht noch eine Ganzheit. Es geht wiederum nicht um die Hinterwelt einer Vorderwelt. Nichts steckt dahinter, um es erneut mit Luhmann zu sagen . Luhmann erweist sich hier als perfekter Zenbuddhist.) (Peter Fuchs121)

Beim Lesen des neuen Buchs von Peter Fuchs habe ich oft geschmunzelt, die Lektüre
wurde zum reinen Vergnügen – der lesen-lernende Autodidakt „be-merkte― (bemarkte), dass er bei seinem Hausaufgaben machen doch etwas gelernt hatte, sein „Welten―122 hat sich verändert.

Ich habe beim Zen-Buddhisten Luhmann - vom „Sinn des Geistes erleuchtet― (Goethe-Faust)
- die vielen Welten der Polykontexturalität be-griffen: die Schlage beisst sich beim Sich- selbst-Beobachten in den „selbstreferentiellen― Schwanz. Dahinter ist gar nichts. Es lohnt
sich nicht, dahinter zu suchen. Dem autodidaktisch-lernenden Systemtheorie-Rezipienten fallen die Fuchsischen Stichwörter - Sinn-Sichten – Sinnprojektionen - Bedeutungsgewirk -
ein, er erinnert sich: Es gibt Sinnsysteme! Und er schliesst als als grenzgehender „Wizard―:

Das Dritte ist das Medium Sinn.
Das Dritte ist die Einheit der Operation Beobachtung






121 Peter Fuchs Das System Selbst, S.221
122 von mittelhochdeutsch: werlt, [welt], althochdeutsch: weralt, mit altgermanischem Ursprung - Zeitalter, Welt, Menschengeschlecht; verwandt mit wer und alt - http://de.wiktionary.org/wiki/Welt

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3.6 Die Welten der Beobachtung

Bild: M.C. Escher Möbius

Es lohnt sich nicht, nach dem unbeobachtbaren Dahinter zu suchen, es lohnt sich aber, über das Beobachten weiterzudenken, über den Nicht-Raum der Differenz, über das eingeschlossen-ausgeschlossene Dritte, über die Prozessualität des Denkens und dessen Poly-Kontexturen.Ich könnte bei der Göttin „Frau Spencer Brown― anschliessen, „die in der Welt der unbeobachtbaren Unterschiedlosigkeit ihr Wesen treibt―123 und die in ihrer Inkarnation als Mister Spencer Brown über die Dreifaltigkeit nachdenkt:

…The explanation of the Trinity in fact turns out to be simple enough. When you make a distinction of any kind whatever, the easiest way to represent its essential properties mathematically is by some sort of closed curve like a circle. Here the circumference distinguishes two sides, an inside and an outside. The two sides, plus the circumference itself, which is neither the inside nor the outside, together make up three aspects of one distinction. Thus every distinction is a trinity. Hence the First Distinction is the
First Trinity. (G. Spencer Brown124)

Die erste Unterscheidung beginnt im Nichts - im namenlosen Uranfang125. Welt „erscheint― (appears) durch den Akt der Beobachtung - „the universe comes into being when a space is severed to or taken apart― (G. Spencer Brown126). Im Nichts erfolgt die Unterscheidung, die Zweiteilung und die Dreiteilung: „jede Dualität impliziert Triplizität.“. In dieser „nihilistischen― Denkwelt der dreigeteilten Unterscheidung gilt das aristotelische Axiom des „Tertium non


123 Peter Fuchs Reden und Schweigen: http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchsschweigen46.html 124 G. Spencer Brown Only Two Can Play This Game, Bantam Books 1974,
Note 1, page 127. http://www.uboeschenstein.ch/texte/spencer-brown-onlytwo127.html
125 Spencer Brown hat seinen „Laws of Form― ein Motto vorangestellt, ein Zitat von Laozi:
Der Anfang von Himmel und Erde ist namenlos
無 名 天 地 之 始 Wu ming tian di zhi shi - Nicht Name Himmel Erde von Anfang
Felix Lau: Die Form der Paradoxie Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der „Laws of Form― von G. Spencer Brown, Carl-Auer 2008, S.32: Diese Voranstellung ist konzeptionell bedeutsam. Der Satz besagt, dass der Urgrund der folgenden Ausführungen, also der „Zustand― noch vor dem Ausgangspunkt des Kalküls, Unterschiedslosigkeit ist. Denn: Wir können den Anfang von Himmel und Erde als ein Bild für die anfängliche, grundlegende Unterscheidung für ein Universum, wie George Spencer Brown das nennt, identifizieren. Wenn der Anfang namenlos ist, gibt es kein Motiv für eine Unterscheidung, er ist ununterschieden. Denn ein Name zeigt immer etwas in Unterscheidung zu anderem an, was eben nicht mit dem Namen gemeint ist. Und umgekehrt: Wenn der Anfang von Himmel und Erde unterschieden wäre, müsste etwas auf diesen Unterschied hinweisen; es bräuchte einen Namen oder eine Anzeige (Bezeichnung), um den Unterschied festzustellen. Wenn es diese(n) nicht gibt, kann der namenlose Ur-Anfang auch nicht unterschieden sein. http://www.uboeschenstein.ch/texte/lauform32.html
126 G. Spencer Brown Laws of Form, page XXIX: The theme of this book is that the universe comes into being when a space is severed to or taken apart. The skin of a living organism cuts off an outside from an inside. So does the circumference of a circle in a plane. By tracing the way we represent such a severance, we can begin to reconstruct, with an accuracy and coverage that appear almost uncanny, the basic forms underlying linguistic, mathematical, physical, and biological science, and can begin to see how familiar laws of our own experience follow inexorably from the original act of severance. The act is itself already remembered, even unconsciously, as our first attempt to distinguish different things in a world where, in the first place, the boundaries can be drawn any where we please. At this stage the universe cannot be distinguished from how we act upon it and the world may seem like shifting sand beneath our feet‖.

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datur― nicht mehr. Es gilt nicht mehr eine zweiwertige Logik, sondern eine mehrwertige Relationslogik, eine Logik, die „Wirklichkeit durch drei Kategorien konstituiert―, wie das Charles S. Peirce vorgeschlagen hat:

…Peirce‘ gesamtes System ruht auf den drei Kategorien von Erstheit, Zweitheit und Drittheit, da er nicht akzeptiert, dass das »Absolute« eins sein soll und nicht vielmehr Wirklichkeit durch drei Kategorien konstituiert wird (Nina Ort127).
…Die Kategorien bilden somit das Zentrum des Peirceschen Gedankengebäudes, und sie sind die
Grundlage für die Entwicklung der Zeichenklassen, wobei jedes Zeichen seinerseits eine genuine
Triade aus Objekt, Repräsentamen und Interpretant darstellt. Zu fragen ist also, ob logische und erkenntnistheoretische Dreiwertigkeit bereits in den Kategorien angelegt ist, und inwiefern sich dann auch Zeichen als logisch dreiwertige Zeichen interpretieren lassen. .(Nina Ort128)

„Erkenntnistheoretische Dreiwertigkeit― - in diesem Begriff129 fand ich endlich eine Klärung meiner Zwei-fel an der Zweiheit der Saussureschen Form/Inhalt (signifiant/signifié) Unterscheidung. Die Zeichenlehre muss Dreifeln:

…Die große Überlegenheit der Peirceschen Semiotik gegenüber der de Saussureschen Semiologie wird in dem prozessualen Charakter der Peirceschen Semiotik erkannt, die durch ihre Dreiwertigkeit entsteht. Während in der de Saussureschen Semiologie grundsätzlich von einer Welt der Dinge ausgegangen wird, von der sich das Universum der diese Dinge bezeichnenden Zeichen – schon aufgrund des Konzepts der Arbitrarität – klar abgrenzt, ist eine derartige Trennung in dem Zeichenuniversum bei Peirce nicht mehr anzugeben.(Nina Ort)


127 Nina Ort Reflexionslogische Semiotik,VelbrückWissenschaft 2007,S.21: Modell einer triadischen
Wirklichkeitskonstitution.
128 Nina Ort Reflexionslogische Semiotik, S.193: II.2. Dreiwertigkeit im Peirceschen Zeichenmodell; II.2.1. Das Dritte als Vermittlung? Peirce‘ Zeichenmodell besteht aus vielfältig aufeinander bezogenen, irreduziblen Triaden, die, wie gezeigt werden soll, in einer zweiwertigen Logik nicht widerspruchsfrei thematisiert werden können. Das Peircesche Zeichenmodell bildet somit eine geeignete Grundlage zur Ausformulierung einer dreiwertigen Zeichenlogik. Die große Überlegenheit der Peirceschen Semiotik etwa gegenüber der de Saussureschen Semiologie wird in dem prozessualen Charakter der Peirceschen Semiotik erkannt, die durch ihre Dreiwertigkeit entsteht. Während in der de Saussureschen Semiologie grundsätzlich von einer Welt der Dinge ausgegangen wird, von der sich das Universum der diese Dinge bezeichnenden Zeichen – schon aufgrund des Konzepts der Arbitrarität – klar abgrenzt, ist eine derartige Trennung in dem Zeichenuniversum bei Peirce nicht mehr anzugeben. (Man kann die Semiologie von de Saussure natürlich auch anders interpretieren – in jedem Falle
aber nur als zweiwertig: Im Begriffspaar von Signifikant und Signifikat wiederholt sich die dualistische Konzeption, wobei das Signifikat als Vorstellungsbild, als »mentales Objekt« fungiert.) Seine drei Kategorien entfalten sich
zwischen den beiden Horizonten von »Sein« und »Substanz« und stellen somit zugleich Seins- und Reflexionsweisen innerhalb dieses Doppelhorizonts von »Einheit« und »Mannigfaltigkeit« dar. Die Kategorien bilden somit das Zentrum des Peirceschen Gedankengebäudes, und sie sind die Grundlage für die Entwicklung der Zeichenklassen, wobei jedes Zeichen seinerseits eine genuine Triade aus Objekt, Repräsentamen und
Interpretant darstellt. Zu fragen ist also, ob logische und erkenntnistheoretische Dreiwertigkeit bereits in den Kategorien angelegt ist, und inwiefern sich dann auch Zeichen als logisch dreiwertige Zeichen interpretieren lassen. http://www.uboeschenstein.ch/texte/ort-semiotik187.html
129 Oliver Jahraus Bewusstsein-Kommunikation-Zeichen, S. 248: Bedeutung der Kategorialität für die Konstitution des Zeichens als prozessuales Semiosegeschehen – Drittheit ist der Grad der Komplementierung des Zeichens. Drittheit wird aber nur so erreicht, dass sie zugleich wiederum umschlägt in Erstheit. Gäbe es das Dritte nicht, wären Erstheit und Zweiheit unvereinbar. Damit die Dichotomie zur Dialektik wird, braucht es immer ein drittes Moment. Im Dritten wird das Erste überhaupt erst zur Erstheit, weil erst die Drittheit der Erstheit die Zweitheit zuordnet. Jedes dreiwertige Modell erweist sich damit gegenüber einem zweiwertigen Modell als
absolut überlegen. Zweiwertige Theorien sind paradoxiegefährdet, wenn nicht von Hause paradoxal verfasst, weil sie mit Erstheiten und Zweiheiten operieren, ohne sagen zu können, warum das Zweite eben das Zweite neben
dem Ersten ist, warum das Signifikat zum Signifikanten kommt, wie also das Zweite als Zweites dem Ersten
überhaupt zukommt. Sie operieren also mit einer Differenz, und jede Differenz ist in diesem Sinne Differenz von dem Einen, dem Ersten, und dem anderen, also dem – nach numerischer Zählung – Zweiten; sie können aber nicht mehr die Einheit der Differenz angeben. Diese Einheit ist weder die Differenz noch das Differente, sondern die Differenzierung selbst, also der Prozess. Diese Einheit kann also nur ein Drittes, also Drittheit kategorial realisieren. Einheit durch Drittheit! http://www.uboeschenstein.ch/texte/jahraus45.html

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Ich entdeckte bei Nina Ort und Oliver Jahraus einen neuen Zugang zum Luhmannschen Schlüsselbegriff „Beobachten―: Eine Beobachtungstheorie muss aus der Zeichentheorie entwickelt werden:

…Systemtheorie wird überhaupt erst als Zeichentheorie Systemtheorie! Systemtheorie wird als Zeichentheorie konsequent autoreflexiv. Oder anders gewendet: Systemtheorie kommt als Zeichentheorie zu sich selbst. …Hier bewegt sich der anfangs noch harmlos anmutende Theorievergleich, der nur Koinzidenzen festgestellt hat, auf einer Ebene, wo Beobachter und Beobachtung im „Zeichen― des Beobachteten in ein wechselseitiges Konstitutionsverhältnis treten, dass operativ als Autoperformation von Semiose seinerseits beobachtbar wird.
…Bewusstsein und Kommunikation sind somit Zeichenprozesse, genauer gesagt: sie vollziehen in struktureller Kopplung Semiose.
…Anders denn als Zeichenprozesse sind so weder Bewusstsein noch Kommunikation als Systeme überhaupt zu denken und zu modellieren. Dass so das Zeichen in den Hintergrund tritt, liegt dann nur daran, dass – metaphorisch gesprochen – das Auge sich beim sehen selbst nicht sehen kann – notwendigerweise! Semiose ist die operative Voraussetzung, die conditio sine qua non von
Bewusstsein und Kommunikation und auch von Systemtheorie, wenn sie Bewusstsein und
Kommunikation beobachtet.
…Dass Luhmann selbst nicht zu dieser zeichentheoretischen, dreiwertigen Aufrüstung gelangt ist, liegt insbesondere darin, dass er selbst nur mit dem zweiwertigen Zeichenbegriff Saussurescher
Provenienz operiert hat. Und dies mag wiederum als symptomatisch gelten für den generell
„zweiwertigen― Charakter der Systemtheorie. (Oliver Jahraus130)

Auf der Spur dieser „dreiwertigen Aufrüstung― bin ich durch das „Land der Drei― gewandert, begegnete dem „Beobachter―, den Welten der Beobachtung - der Welt des Unterscheidens , der Welt des Denkens, der Welt des sozialen Miteinanders, der Kommunikation, der Welt des Sinns, der Welt des Wissens. Alle diese Welten sind keine Räume, es sind Prozesse in einer mentalen Dimension, die unsere Sprache nicht (be)schreiben, nicht (er)fassen, nicht (be)greifen kann, weil -

…die Alltagsbeobachtung als Beobachtung erster Ordnung ihre eigene Ontologie fortlaufend mitproduziert, insofern die handlungspraktische Notwendigkeit besteht die eigenen Beobachtungen zu „externalisieren―, also in einem Außenraum zu verorten. Es spricht einiges dafür, dass der natürliche Realismus, den wir laufend in unseren Beobachtungen erster Ordnung pflegen, die ontologischen Prämissen immer wieder adäquat erscheinen lässt. (Benjamin Jörissen131)

Alles, was wir wahrnehmen, was wir in Sprache reflektieren, im Medium Sprache einander mitteilen, ist auf ontologischen Prämissen gebaut. Peter Fuchs hielt 1999 einen Vortrag zum Thema „Gesellschaftstheorie im dritten Jahrtausend― in dem er die Prämissen der Luhmannschen Beobachter-Theorie „Minimalontologie― nennt:

…Diese Minimalontologie verweist auf ein Problembewusstsein, dass nicht nur ahnt, dass die klassische Identitätslogik auf Sinnsysteme nicht anwendbar ist, sondern sich auf die Suche begibt nach äquivalenten, nach Logiken und/ oder Kalkülen, die diesen geänderten Theorieverhältnissen

130 Oliver Jahraus Bewusstsein-Kommunikation-Zeichen: http://www.uboeschenstein.ch/texte/jahraus45.html 131 Benjamin Jörissen: Beobachtungen der Realität: Jedoch macht die Beobachtertheorie deutlich, dass die Alltagsbeobachtung als Beobachtung erster Ordnung ihre eigene Ontologie fortlaufend mitproduziert, insofern die handlungspraktische Notwendigkeit besteht die eigenen Beobachtungen zu „externalisieren―, also in einem Außenraum zu verorten…Es spricht einiges dafür, dass der natürliche Realismus, den wir laufend in unseren Beobachtungen erster Ordnung pflegen, die ontologischen Prämissen immer wieder adäquat erscheinen lässt. Dies liegt weniger am stets prekären Generalbegriff des Seins als vielmehr an dem, was in der Ontologie invisibilisiert und ausgeschlossen wird – der Umstand, dass man „nicht sieht, dass man nicht sieht, was man nicht sieht― (Luhmann Systemtheorie 159), kann leicht zu der Ansicht führen, dass nicht ist, was nicht Sein ist. Gerade gegen diese Haltung, die in der Moderne allerdings komplexere Formen annimmt, sind zahlreiche Begriffe und Metaphern aufgebracht worden – Freuds Es, Heideggers Sein, das Reale Lacans, die différance Derridas können als Beispiele gelten, die die Anerkennung eines solchen Tertiums einklagen. http://www.uboeschenstein.ch/texte/joerissen-Beobachtungen.html

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Tribut zollen können. Bei Luhmann selbst hier schon früh die Referenz auf Gotthard Günther ein, später dann eine Obsession für die „Laws of Form― von Spencer Brown. Ich gehe davon aus, dass diese Referenz in der Gesellschaftstheorie des dritten Jahrtausends ausgebaut wird.
…Sucht man nach weiteren Ausbauten oder Veränderungen jener (der Luhmannschen UB.) Gesellschaftstheorie, kann man vermuten, dass auch das Konzept der Binarität sich ändern wird. Luhmann war zweifelsfrei ein Binär-Denker oder, retrospektiv gesehen, ein „binärer Horizont- Denker―. Er startet, bezogen auf die Form von Sinn, mit Motiven der Husserlschen Phänomenologie, in der Sinn als Selektion vor dem Hintergrund anderer Möglichkeiten erst als Sinn einleuchten kann.
Gewählt wird etwas, und damit ist anderes ausgeschlossen und zugleich appräsentiert: eben als
Horizont.
…Im Laufe seiner Theorieentwicklung wird das, was hier noch eine Art verdeckte Binarität ist (gewählt ist dies und nichts anderes), umgesetzt auf den dezidierten Umgang mit zweiwertigen Unterscheidungen (binäre Codes). Im selben Duktus wird die Beobachtungstheorie konzipiert: als Operation, die auf Unterscheidungen beruht, deren Seite nicht simultan zugleich bezeichnet werden können, sondern nur: seriatim. Andererseits führt ihn die Binarität dieses Theoriezuschnittes auch dazu, über „dritte Werte― nachzudenken, die in jeder binarisierenden Operation ausgeschlossen und gleichwohl mitaufgerufen werden. Luhmann konnte dieses Problem nicht mehr gründlich bearbeiten.
Es bleibt ein Desiderat, sich dieser „Drittheit“ zu stellen. (Peter Fuchs132)

Die Systemtheorie des 20.Jahrhunderts erfasste – als Beobachtertheorie - nur zwei Ebenen des Beobachtens:

  • Beobachten 1.Ordnung Die Welt des Unterscheidens: „Wahr―-nehmen
  • Beobachten 2.Ordnung Die Welt des Denkens: „Nach―-denken, Beobachten des Beobachtens.


Was Peter Fuchs „Beobachtungsbeobachtungskultur― nennt, ist ist eine Kultur der Beobachtung zweiter Ordnung. Ich meine, diese „Denkkultur― müsste dreiwertig aufgerüstet werden, es müsste eine Denkkultur dritter Ordnung, eine Beobachtung dritter Ordnung entwickelt werden. Einem „einleutenden― Versuch in diese Richtung zu Denken (und gleichzeitig die Semiotik von Peirce einzubeziehen), bin ich im Buch „Beobachtung der Wirklichkeit― von Holm von Egidy133 begegnet, er unterscheidet vier Beobachtungsordnungen:

  • Beobachtung 0. Ordnung Raum
  • Beobachtung 1. Ordnung Wert
  • Beobachtung 2. Ordnung Unterscheidung
  • Beobachtung 3. Ordnung Hinweis


Zur Bestimmung von Beobachtung: Beobachtung ist ein synthetischer Begriff. Die Idee von Unterscheidung und die Idee des Hinweises werden zusammengezogen in einen Begriff der Operation: Beobachtung heißt: eine Unterscheidung treffen und auf den unterschiedenen Wert hinweisen. Dieser abstrakte Begriff von Beobachtung kann dann als Grundlage jedes erkenntnisförmigen oder bezugnehmenden Akt gelten. Anders gesagt: die gemeinsame Form in Wahrnehmen, Erkennen, Intendieren, Erleben, Konstruieren ist Beobachtung. Der Grund für die Einheit dieser unterscheidbaren aber nicht wirklich bennbaren Aspekte der Beobachtung ist, dass sie in gegenseitiger Abhängigkeit bestehen. Es ist nicht möglich zu unterscheiden ohne ein Hinweisen, und der Hinweis setzt Unterscheiden voraus. Genauere Analyse zeigt, dass es Beobachtungsarten gibt, die nicht aufeinander reduzierbar oder durcheinander ableitbar sind.


132 Peter Fuchs Gesellschaft im dritten Jahrtausend, in Luhmann Lektüren, Kadmos 2010, S.67. Im Vorwort des Herausgebers: Die hier zum ersten Mal vorliegenden Texte gehen auf eine Vorlesungsreihe zurück, die 1999 zum Gedenken an Luhmanns Tod gehalten wurde. 133 Holm von Egidy Beobachtung der Wirklichkeit, http://www.uboeschenstein.ch/texte/egidy226.html

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Sie beziehen sich auf unterschiedliche Arten von Phänomenen. Diese korrelieren genau mit den verschiedenen Kategorien von Peirce.

Beobachtung 0. Ordnung = Erstheit Beobachtung 1. Ordnung = Zweitheit Beobachtung 2. Ordnung = Drittheit Beobachtung 3. Ordnung = Tetralemmaheit
Fussnote: Tetralemmaheit - Dieser Neologismus ist geprägt in Anschluss an den Begriff des Tetralemmas. Man könnte auch von Viertheit sprechen, dieser Begriff taucht bei Peirce allerdings nicht auf

Jede Art von Erfahrung, Erleben und Wahrnehmungen sollte sich in diesen vier Stufen analysieren lassen, und nimmt auch, in der empirischen Realität, soweit ich sehe, jeweils alle vier in Anspruch. Deshalb ist es immer mit etwas Ungenauigkeit verbunden, genau die Aspekte, auf die sich eine Stufe bezieht, herauszustellen. Ungefähr so:

Beobachtung 0. Ordnung: Sinnlichkeit, Zeit, Möglichkeit, Kontinuum Beobachtung 1. Ordnung: Gegenstand und Widerstand, Verstand Beobachtung 2. Ordnung: Zeichen, Regeln, Unterscheidungen, Vernunft Beobachtung 3. Ordnung: Entscheidung, Selbstbewusstsein,
Erkennen des Ganzen, Polykontexturalität, Geist (Intentionalität)

Beobachtung 0. Ordnung ermöglicht die theoretische Beschreibung und Analyse dessen, was in der
Tradition „Anschauung― oder „Sinnlichkeit― heißt.

Beobachtung 1. Ordnung entspricht weitgehend dem, wie auch Luhmann diesen Begriff verwendet. Beobachtung 2. Ordnung ist bei Luhmann unklar definiert. Ich sage hier nicht, dass es Beobachtung der Beobachtung ist, sondern präzisierend: Beobachtung einer Unterscheidung. Beobachtungen, Kommunikation (nach Luhmann) oder Zeichen nach der Definition von Peirce sollten unter diesen Unterscheidungsbegriff fallen: Verstehen unterscheidet Information und Mitteilung. Das Zeichen(mittel) unterscheidet Objekt und Interpretant, wobei der aufgespaltene Raum hier die Semiose selbst ist, und wenn die Grenze qua Kontext keine ist, wird aus der Drittheit eine Zweitheit oder Erstheit (so mal im hier gebotenen Minimalismus; verstanden als Vorschlag, der Präzisierung sicher nötig hat).

Beobachtung 3. Ordnung wird aus ähnlichen Gründen eingeführt: um Phänomene, mit denen wir zu tun haben auch theoretisch angemessen begreifen zu können. Dazu gehört: die Intentionalität, Selbstbewusstsein, Kontextwechsel (Schlafen/Wachsein); Entdecken/Erfinden; das Du, Polykontexturalität/Doppelreflexivität. (H.v.Egidy)

Mir scheint, die Beobachtung 3. Ordnung bei Egidy entspricht meiner Idee des Denkens3 – der Reflexion der Reflexion der Reflexion – die „(Er)-Findung einer dritten Dimension des Denkens, in der „Intentionalität, Selbstbewusstsein, Kontextwechsel (Schlafen/Wachsein); Entdecken/Erfinden; das Du, Polykontexturalität/Doppelreflexivität― in die Reflexion einbezogen wird.

Meine Idee eines Denken des Denkens des Denkens wird – so stelle ich mir das vor – eine Beobachtungsbeobachtungsbeobachtung sein, ein neues Sprachspiel (Wittgenstein), in dem die Protologik der Logik mitreflektiert wird. Es geht mir dabei nicht nur um Theorie, ich vermute das Beobachtung dritter Ordnung „ alltagstauglich― ist - das wird meine Coda speculativa. Sie umfasst viele Ideen, Verbindungen von Ideen: Mehrwertige Logik: Relationslogik - Paradox - Der Anfang vor dem Anfang – Volition - Zeichenwelt - Semiose Sprache - Kommunikation - Sicheres Wissen - Gewissheit - Wie kann ich mir dieses Ideennetzwerk „alltagstauglich― machen? ImLand der Vier? – Quaternio - Tetralemma134 - Tetralemmaheit



134 Das Tetralemma (gr. tetra: vier, lemma: Voraussetzung, Annahme) ist eine logische Figur bestehend aus vier
Sätzen, welche einem Objekt eine Eigenschaft 1. zusprechen, 2. absprechen, 3. sowohl zu- als auch absprechen
4. weder zu-, noch absprechen.

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Alice in Wonderland - The Cheshire Cat:

One day Alice came to a fork in the road and saw a Cheshire cat in a tree. Which road do I take? she asked. Where do you want to go? was his response. I don't know, Alice answered. Then, said the cat, it doesn't matter.”

„Es gibt viele Wege, auf denen ich das, was ich vergeblich zu sagen versuche, vergeblich zu
sagen versucht werden kann“. Samuel Becket

Fazit III
Im Titelbild dieser Arbeit steht: Prozesse des Miteinander – Prozesse der Kooperation –
Prozess der Kommunikation – Prozesse des Denkens. Ich kündigte im Titel einen „Versuch einer Umschrift― an, einen Essay.

Die Form des Essays: Sie bezeichnet ein Wandeln auf dem Grat, auf einer Grenze, ein riskantes Versuchen (oder auch eine riskante Versuchung), auf alle Fälle eine Textgattung, die zwischen Literatur und Wissenschaft situiert ist, aber nicht wie auf einem Ort dazwischen, sondern wie auf einem Ort dagegen – gegen das systemische und systematische, gegen Perfektion – und einem Ort
dafür: für das Fragmentarische, das Approximative, das Unabgeschlossene, und in Sonderheit für das Subjektive. Der Essay ist mithin romantisch, er pflegt die Unsicherheit, die durch die Proklamation des individuellen Standpunktes ins Spiel kommt, durch die Offenlegung der eigenen
Unterscheidungen in einem nicht privaten Medium, also zutiefst paradox, ironisch, kontingenzbewusst.
(Peter Fuchs135)

Dieses dritte Kapitel „The Land of Three― - so bin ich versucht zu sagen – hat mich viel Mühe gekostet, mir aber auch viel Freude gemacht, viel „smiling feelings―. Ich habe gelernt „that nobody is perfekt―.


The cat is disappearing – The Smile remains!




135 Peter Fuchs Intervention und Erfahrung, Suhrkamp 1999, S.150: Die Form des Essays:

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